Eine Toninstallation, ein Alpengarten, Lebensgeschichten, eine Hörlandschaft.
Eine Werbeformel, deren Inhalt lediglich getrennt voneinander einen tieferen Sinn ergeben dürfte. Doch die sinnvolle Kombination dessen, was in mir noch vor Aufnahme einer der kuriosesten Nächte meines Lebens den einen oder anderen Zweifel über Sinn und Durchführung dieser Veranstaltung aufkommen ließ, hatte sich die Belluard-Bollwerk International aus Freiburg zur Aufgabe gemacht.
Alpinarium! Nun ist Magdeburg selbst von den ersten Ausläufern alpiner Lebensarten bzw. Landschaftsformen mehr als nur einen Katzensprung entfernt. Warum also eine friedliche, ruhige und saubere Welt, scheinbar fern von Gefahr, Lärm und Dreck urbaner Art, in ebendiese, dem vollen Gegenteil entsprechende, Umgebung situieren? An dieser Stelle muss ich relativieren, dass sich jene Dislokation alpiner Lebensformen lediglich auf die akustische Dimension beschränken sollte.
Dieser Frage gerecht zu werden, machte sich das Puppentheater unserer Landeshauptstadt im Rahmen des Figurenfestivals „Blickwechsel“ die Idee zu eigen, einen zeitlichen Auszug „gebirglichen“ Alltags in die nächtliche Pause der pulsierenden Großstadt zu projizieren.
Ein überaus geeignetes Interieur hierfür bot die ehemalige, durch Nichtnutzung stark erodierte Diamant-Brauerei. Dort, wo in goldenen Zeiten („Bitte nicht als Kapitalismuskritik verstehen!“) jener gleichfarbige Gerstensaft floss, um dürstende Kehlen zu stillen, sollten nun Klänge ertönen, welche dem gestressten Stadtbürger aufzeigen, welch vielseitiges Klangbild Europas größtes Hochgebirge zu bieten hat.
Also Klänge eines aus Naturgewalten, sprich bloßer Willkür, entstandenes Gesteinsmassiv mittels Lautsprecher in ein auf dem Reißbrett entworfenes und der reinen Produktion dienendes Gebäude verlagern?!
So sollte es sein. Vier Tage, vielmehr Nächte, beherbergten die Kellerräume der Brauerei eine Hörlandschaft, die jedoch, entgegen der Idee an sich, überaus unspektakulär ausgestattet war. 28 ausrangierte Krankenhausbetten standen für die Teilnehmer, oder besser Probanden, bereit. Viele Nachtschränke mit gelblich schimmernden Lampen sollten diesem dunklen, feuchten und im Verlaufe der Nacht auch kalten Raum einen Hauch der eigenen, gewohnten Schlafumgebung geben.
Gegen 0:30 Uhr schien dann schließlich jeder der 24 Großstadt-Alpinisten eine passende Schlafgelegenheit gefunden zu haben. Nach einem zwischenzeitlichen Sturmlauf auf bereitgestellte Decken und hektischem Treiben eines jeden, persönlichen Bettgeh-Rituals durchbrachen erste Geräusche und Stimmen die eingekehrte Ruhe. Die Hörlandschaft öffnete ihre Pforten.
Das typische Geräusch einer Kuh, das Wehen des Windes über Hangwiesen, Handwerksgeräusche oder Feldarbeit, die schlichte Konversation zweier oder mehrerer Einheimischer, Geschichten von Bergen und Tälern, von Alltag und Ausflügen, von Kinderglück und Beziehungsdramen; auf Deutsch über Schweizer-deutsch bis Französisch.
Nicht mehr und nicht weniger ist zu sagen. Der Versuch an mir, mich mittels Schallwellen in luftige Höhen oder saftige Wiesen der Alpen zu versetzen, scheiterte. Ein störendes Element mochte die dezente Note von „Urinate de la chat“ sein, der, wann immer man in Erwartung frischer Bergluft einen tiefen Zug nahm, in die Nase stieg. Der triftigere Grund jedoch war, dass auch ein Student der Last des Tages Tribut zollen musste, so dass ich, kurz bevor der Tag 2 Sunden alt wurde, sanft auf meinem Kissen, in Begleitung einer klagenden Frau und ihrem Eheproblem, einschlief.
Ein Resümee meiner eigenen, ungeschönten Empfindungen könnte sich in etwa so anhören: „Ich befinde mich in einem beliebigen Raum, räumlich begrenzt durch eine Wand zu einem zweiten Raum. Dieser zweite Raum sollte die Alpen beinhalten. Ich lausche an der Wand und vernehme einzelne Klänge und Geräusche.“
Das Alpinarium, in dem ich mich befand, verhalf mir somit nicht auf die gedankliche Ebene, meine bekannte Umgebung aus Älplerperspektive betrachten zu können. Eher schuf es eine Parallelwelt, die sich irgendwo jenseits dieser dicken Betonwände, die mich umgaben, befinden müsste.
Unglücklicherweise konnte ich die Suche nach der imaginären Parallelwelt von meinem Schlafgemach aus nicht weiter fortsetzen. Punkt 6 Uhr wurde das Alpinarium von ohrenbetäubendem Lärm erfasst. Die Klänge eines Alphorns vermochten auch den letzten schlaftrunkenen Alpinisten aus seinen Träumen zu reißen. Die vielfach formulierte Bitte, die Lautstärke doch wenigstens etwas zu dämpfen, wurde nicht erhört. Einige Minuten später erklärte sich die vermeintliche Ignoranz des Lärmenden und die Kuriosität der Nacht erreichte ihren Gipfelpunkt. Die Quelle der Unruhe betrat den Raum: ein Bläser mit einem monströsen Alphorn stand im Raum und beendete jegliche Illusion alpiner Atmosphäre. Bezeichnend kurios, dass nicht die Klänge der Lautsprecher, sondern ein Blasmusiker, ein echter Mensch aus Fleisch und Blut, der im Allgemeinen für „alpinen Lebensstil pur“ steht, mir vermittelte, dass die Alpen an jenem Morgen ganz weit weg schienen und lediglich ein ganz normaler Tag im Tal unserer kleinen Großstadt vor mir lag!
Martin


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