Ältere Damen und die Jugend

Damen und Jungvolk

Ein Tisch, Tee und Sommerluft. Mit mir allein und Augen und Ohren in die Welt gerichtet. Ältere Damen am Nachbartisch.
Und: „Guten Tag, Frau Welke!“ Und: „Was machen die Pflaumen?“
[…]
„Sechsundvierzig/ Siebenundvierzig, bevor ich geheiratet habe, was hat man da gehabt?“
[…]
Geschichten, die sich durch verstaubte Tage in die Gegenwart retten. Belebte alte Welt. Mal freudig, mal voller Melancholie erblickt das schon Gewesene das Licht des Hier und Jetzt. Beeindruckend: diese Ruhe der gesicherten Verortung des Selbst in der Zeiten Spiel. Beide Beine auf dem Boden, in der Hand eine Tasse alltäglichen Kaffees und unbekümmerte Reden über Fenchel und Rosmarin und den Vater, wie er damals [...] und die Mutter und den ersten Mann.
[…]
„Warum machen die sich so kaputt?“
[…]
„Die“, das sind wohl die jüngeren Menschen, die anderen Generationen. Ich höre Unverständnis über die Rauheit und Kantigkeit des modernen Lebens. Verwunderung über Lichter, Farben und Exzesse einer für sie kaum noch greifbaren Gegenwart. Teil sind sie und doch nur ruhender Pol in einer hektisch zappelnden Masse. Dann ziehen sie weiter, die älteren Damen, frierend ins Sonnenlicht.

Hinter einer Hecke taucht es dann auf, das junge Volk mit Schießgerät aus Plaste. Sehen nicht nach links, nicht nach rechts. Sehen sie nicht, die älteren Damen. Hitzige kleine Wesen, die sich mit ihrer Kreativität und ihrem Entdeckungsdrang die Welt zu erschließen suchen. Drang nach Erfahrung, der mit jedem Schritt durch die Jahre verweicht. Auflösung, Abreißen, Aufbrechen. Eingepflanzte Not durch bunte Bilder und die Lüge von der Lehre des Habens. Medial gestaltete gepimpte Geschwüre, die sich einnisten, wachsen, bleiben. Bleiben und verderben, was einst noch voller Neugier und Inspiration war. Diese jungen Menschen, welche Geschichten werden sie dereinst erzählen?

Foto: Uwe Pasbrig Images

0 Antworten zu “Ältere Damen und die Jugend”


  1. Keine Kommentare

Eine Antwort hinterlassen