Im vorweihnachtlichen Getümmel mitfließend wie ein Sandkorn im Uhrglas, stolperte ich in dem Gedränge mit meinen Augen über etwas, das man euphemistisch vielleicht als Warenauslage hätte bezeichnen können, wäre da nicht, ja: wäre da nicht die eigentliche Tücke dieses Stilmittels die Beschönigung. Was sich mir im Entree zur neuen Thalia-Buchhandlung im Allee-Center kürzlich darbot, übersteigt in der Magdeburger Bücherlandschaft alles bisher Dagewesene.
Nicht nur, dass passend zur seit Jahren immer früher beginnenden Vorweihnachtszeit im Handel schon ab September die Konsumtempel in Rot-Weiß-Gold dekoriert werden, nein, dieses Jahr trug die Fratze des Kommerzes ein besonders abscheuliches Grinsen zur Schau. Genährt von fetten Akquisitions-Brocken und rücksichtslos gierigem Vereinnahmen literarischer Leckerbissen, wie dem etliche Jahrzehnte alten städtischen Weinert-Urgestein, feixten mir spöttisch brandneue glänzend grüne Reklametafeln entgegen: THALIA. Benannt nach einer griechischen Muse, stemmen sich mir ob der neuen mehrstöckigen Ramschbude vielfältige Eindrücke entgegen, von denen vor allem einer stets präsent bleibt: Unstimmigkeit so weit das Auge reicht.
Folgt man der medial durchaus annehmbar präsentierten Firmenphilosophie, so erfährt mensch, dass der Namensgeberin in der griechischen Mythologie direkte Abstammung zum Göttervater Zeus und zur Harmonia nachgesagt wird, sie als Beschützerin der Wissenschaften und Künste gilt und so beim Konsumenten ein Gefühl der Sympathie und emotionalen Bindung auslösen soll. Man gibt sich also zumindest dem ersten Anschein nach schon mal einen intellektuellen Anstrich. Schaut man jedoch hinter die grün glänzende Fassade, so stellt man ziemlich schnell ernüchtert fest, dass in Thalias Brust ach, zwei Seelen wohnen. Denn ursprünglich gelten Musen als Vermittlerinnen künstlerischer Inspiration, allen voran Thalia, die auch den Beinamen „Die Blühende“ trägt. Dies alles wird jedoch hinfällig, wenn ich das verwaiste Ladenlokal am Ulrichplatz sehe, an die Weihnachtsbeleuchtung, die vollmundige Mischung aus altem Parkett gepaart mit Druckerschwärze und duftendem Papier, umrahmt von einer Aura angenehmer Kultiviertheit denke, die in der Weinert-Buchhandlung und in meinem Herzen lange Zeit ihren Platz hatte.
Schwer nachvollziehbare und wirtschaftlich schlecht zu rechtfertigende Schachzüge, wie das unnachgiebige Anziehen der Mietpreise durch die vermietende Genossenschaft führten letztendlich zum Verkauf des Bücherbestandes an die esssüchtige Thalia. So sozialverträglich man in der Thalia-Chefetage nach außen hin durch die Übernahme des Gros der Weinert-Belegschaft in die neue Filiale auch erscheinen wollte – aus dem literarischen Bukett blühender Büchersträuße hat man „Weinerts“ unwiderruflich herausgerissen und eine Institution für immer zerstört. Mein kultureller Nabel, meine Pilgerstätte ist dem Erdboden gleichgemacht und nur noch ein fader Abglanz vergangener Zeiten. Das einzige, was in der neuen Buchhandlung an alte Zeiten erinnert, sind die gewaltigen Bücherstapel im Entree, die an den Turmbau zu Babel erinnern. Kauft nur Menschen, kauft! Stöbern in Ruhe abseits des Rummels verboten! So denke ich, wenn ich die lieblos ausgewählten, aber dafür hüfthoch aufgestapelten Titel erblicken muss. Nein, Thalia, du bist nicht die Blühende, die Muse des Lustspiels und der Komödie, dein Efeukranz wird eines Tages verwelken! Erinnern wir uns, auch die Blasphemie der antiken Architekten wurde bestraft, indem nämlich Gott persönlich, so sagt man, den Turm einstürzen ließ.
Ich hoffe auf ein kleines Wunder, eine Wiedergeburt DER Buchhandlung – meiner Buchhandlung – wie Phönix aus der Asche….
Ja, lesendes Publikum: ich gestehe. Ich bin hoffnungslos und unhaltbar retro.


Bräuchte dazu bloß noch Bilder….hatte da so eine Glasfassade der alten Buchhandlung im Sinn.
Fotos bringe ich morgen zur Sitzung mit! Gruß Uwe