Wundersame Werbewelten. Ein Land jenseits von Gut und Böse, die Grenze zur Debilität unumkehrbar überschritten. Sein Souverän: flauschige Vogelküken und nackerte Wonneproppen, die aus großflorigen Badetüchern die Beisichgebliebenen grüßen. Seine Hauptstadt: Alzheimer City. Weiße Riesen waschen die Gehirne der Konsumenten windelweich und blütenfrisch, untermalt von endlosen Seifenopern.
Dieser Idylle vorgelagert ist ein Suburbia namens Leno®. Seinen Bewohnern konnte dank ihrer voraus getragenen Duftmarke bisher unaufwändig aus dem Weg gegangen werden. Das soll sich nun jedoch ändern: was gestern noch eine aufdringlich müffelnde Lauge war, die für teuer Geld hochtechnologisch in Klärwerken dem Abwasser abgerungen wurde, ist zu Lenor Mystery mutiert worden. Und das geht dann wahrscheinlich so:
*) Man bezahle mehrere Büroetagen zynischer Kreativer dafür, einen sehr teuren Haufen Durchfall zu produzieren: Brainstorming. Jeder muss und alle dürfen mal, denn auch der Teufel scheißt bekanntlich immer auf den größten Haufen.
*) Auf deren Output hin mische man ein Quartett greller Farben in seinen Weichspülfusel und mache so aus nur einem drögen Konsumprodukt gleich vier: das Li-La-Laune-Leno®. Immerhin hat das schon zu der Zeit sehr gut funktioniert, als die Zielgruppe noch Kind war und man ihr billigst gefrorenes Wassereis mit Bunt drin andrehen konnte.
*) Indem man das ganze “Mystery Collection” nennt, suggeriere man, es ginge darum, sich Weichspülerplastikflaschen als edle Sammlerobjekte in die Schrankwand zu stellen.
Dass es zwar Zeitgeist ist, vor den Problemen einer technisierten Welt in Aberglaube, Ex-und-Hopp-Esoterik und das Bildzeitungshoroskop zu flüchten, ist den Fachleuten der Werbewirtschaft natürlich nicht verborgen geblieben. Dass die zivilisationsmüde Kauflustige Waschmaschine, TV, www und Fernreisen ausgiebig in Anspruch nimmt, aber auch. Zumindest ein Teil deponiert sehr gerne ihre Nöte gegen Einwahlgebühren bei den scheinselbstständigen Angestellten von Call In TV-Sendern, die Engelskontakte, Bernsteinorakel, “Bestellungen beim Universum” und weitere wunderliche Hirnerweichungen versprechen. Von dieser Ausgangsposition gilt es, die moderne Familienmanagerin in einer grandiosen Werbekampagne abzuholen:
*) Imperativ ausgeschalte Slogans der Sorte
Erleben Sie, wie Lenor Mystery Sie jeden Tag mit geheimnisvoll-fazinierenden Düften aufs Neue verzaubert
sind ihre stahlbetonbewehrten Eckpfeiler.
*) Bilder von weich gezeichneten, anorektischen Backfischen in Engelsgewändern stehen für Mysteryaffinität, erzeugen gleichzeitig die nötige Reinheitssymbolik.
Damit ist das Großhirn nun bereits schön bräsig weichgespült. Ein Auswringen des Stammhirninhalts nach Art eines nassen Feudels wird allerdings erst möglich durch den Einsatz des Klischées, der ferne Osten sei ein Hort zwangsläufiger und immer währender Weisheit und Spiritualität: ab ins Nirvana.
*) Eine mit Grafiksoftware intensiv nachbearbeitete Darstellung eines Sonnenuntergangs wie aus einem idealen Südseeurlaub-Fotoalbum lenkt ab von unschönen Realthemen wie Umweltverschmutzung durch Waschzwang.
*) Ein TV-Werbespot, unterlegt mit rammdösigen Möchtegern-Exotik-Sounds, verspricht eine allumfassende Beeinflussung der Zielgruppe hin zur Kaufhandlung. Töne wirken bekanntermaßen stark auf das Gefühlszentrum und dienen hier offenbar dazu, den Restverstand zu betäuben und die gewünschte hypnotische Wirkung zu programmieren, die dann später am Kaufregal den Griff zur Flasche bewirken soll.
*) Aufbau und Betrieb einer Webseite gehören im aufsteigenden Spätmittelalter genau so zu jeder anständigen Einflüsterung wie demnächst wieder die Hexe auf den Scheiterhaufen. Das Angebot “Ihre Sumatra Duftpostkarte” befriedigt, ergänzt durch das “Mystery Tagesorakel”, den latenten Wunsch nach mehr Exotik in der grauen Waschküche und ist fast so stilvoll, wie im Bumsbomber mit Badeschlappen an den Füßen billig nach Thailand zu jetten. Mit Stammeleien wie
Seit Jahrtausenden bestimmen die Menschen ihren Weg mit dem Lauf der Sterne, indem sie versuchen, die Zeichen des Himmels zu deuten. Das Mystery-Orakel offenbart die Kräfte aus der Unendlichkeit
werden die Seitenbesucher zur Eingabe ihres Geburtsdatums bewegt. Daraus lassen sich dann leicht Statistiken ableiten, die es dem Herstellerkonzern vermutlich völlig pragmatisch ermöglichen werden, die Konsumenten noch gezielter aufzuweichen. Ein Besucher erhält zum Dank vorformulierte Satzbausteine mit zweifelhafter Zeichensetzung aus dem Content Management System:
Ihr Wohlfühltipp des Tages
Lassen Sie sich heute nicht von Ihrer Meinung abbringen so kommen Sie weiter!
Das zu Rate gezogene Expertenteam lässt sich nicht von seiner Meinung abbringen und krönt sein Redesign damit, die altbekannte Pampe in Lenor Classic umzubenennen, so aus dem überholungsbedürftigen Normalen von gestern das angeblich edle Tröpfchen für heute zu destillieren. Diese Art der Nostalgie hat ja schon in der braunes-Zuckerwasser-mit-CO2-Branche ein Vorbild.
Mysteriöserweise wurde es aber als überflüssig empfunden, die bunte Seifenlauge biologisch abbaubar zu gestalten, um über solches Handeln tatsächlich tiefgründiges Weltbewusstsein und grenzenlose Weisheit zu demonstrieren.
Alzheimer für Fortgeschrittene: vergiss es.

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Randbemerkungen
Weichspüler wurden in den Testberichten der Zeitschrift Ökotest aus den Jahren 1999 und 2000 generell als nicht empfehlenswert beurteilt.
Auch nicht die Erleuchtung, aber immerhin eine im konventionellen Handel erhältliche, biologisch weitgehend abbaubare Alternative zu herkömmlichen Waschmitteln ist das “Frosch”-Waschmittel.
Alle Markennamen, Warenzeichen und eingetragenen Warenzeichen, die in diesem Beitrag genannt werden, sind Eigentum Ihrer rechtmäßigen Eigentümer und dienen hier nur der Beschreibung.
Links
“The brands are our references. They want to be our friends, fill our imagination, bring self-fulfilment and relief, promise success and happiness. They claim they help build a better world. Beyond the image, what is the reality?” Quelle: ethishop.org
Brainwashing – es funktioniert! Oder werden solche Beiträge gezielt in Auftrag gegeben?
Eigenwerbung einer Klitsche, die Visualisierungen für die Werbefilmbranche produziert:
“Entstanden sind drei Spots für “Weißer Riese” Megaperls und “Weißer Riese” Sommerfrische. In allen Spots wurden nahezu alle Einstellungen nachbearbeitet. Dazu gehörte das Hinzufügen von Flecken auf Nenas Hemd, das Ausmaskieren und Ersetzen des Himmels, das Retuschieren der Originalblüten sowie die Farbkorrektur im Online System 844X. Eine Hauptaufgabe bestand darin, in den Spot für das Sommerfrische Gel in 3D Studio Max generierte Blüten einzufügen, welche sich an die Originalblüten anlehnen sollten. Es entstanden zwei Einstellungen, in denen Blüten in die Luft geworfen werden und diese fallen. Des weiteren wurden im Packshot Blüten im Gras hinzugefügt.” Quelle
Die nächste Runde im Werbewahnsinn ist eingeläutet:3D-Werbeposter


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