Cidade de Deus – Die Stadt Gottes.

Schauplatz Südamerika. Die Luft ist heiß, die Seelen kalt. Die Umgebung trostlos. Staubige Straßen säumen das Bild, umrandet von kleinen, schäbigen Baracken. In der Mitte ein Fußballplatz. Stinkende Pfützen, die sich wie Tränen über die Stadt ergießen.
Eine Beschreibung, die alles andere als spektakulär klingt, schon gar nicht, wenn von einem Ghetto die Rede ist. Für den Regisseur Fernando Meirelles war es Grund genug, im Jahr 2002 diese Stadt zum Mittelpunkt seines Films „City of God“ zu machen. Nicht etwa der verkommenen Gegend wegen, wohl viel mehr der Tragödien, die sich in dieser Stadt abspielen.

Teil dieser Tragödie ist ein Junge namens Buscapé, der früh an Jahren wie viele seiner Altersgenossen in einen Konflikt gerät, der von Drogen, Gewalt und Mord bestimmt wird. Seine Heimat ist die Favela „Cidade de Deus“, in der die Armut so allgegenwärtig ist wie der Fisch im Hafen von Rio, weit unten im Tal. Von dort findet er regelmäßig den steilen Weg in die Vororte der Metropole. Viele der Bewohner verrichten harte, ehrliche Arbeit. Sie putzen, reparieren oder verkaufen eben diesen Fisch. Für ein besseres Leben mit ein wenig Wohlstand reicht das Geld sicher nicht, doch tragen die Kinder Kleider am Leib und zu den Mahlzeiten steht das Essen auf dem Tisch. Wenn auch nicht immer üppig ausfallend.

Die Zukunft oder die Erwartungen in diese sind auf ein Minimum beschränkt. Den Tag über geht man zur Arbeit, sofern man denn welche hat. Nachts hört man Schüsse.
Irgendwie scheint man sich mit dem tristen und gefährlichen Leben in der Favela abgefunden zu haben.
Die Hoffnung auf eine andere Zukunft existiert jedoch an einem anderen Ort. Nicht in der Waschküche oder den Wohnzimmern der zerbrechlich wirkenden Baracken, aber auch nicht weit davon entfernt. Diese Zukunft liegt auf der Straße und in dunklen Hinterzimmern verwinkelter Apartments der Stadt Gottes. Über Drogen führt der Weg zu Reichtum und Anerkennung, aber auch unweigerlich zu Kriminalität und Gewalt.

So formieren sich über die Jahre Banden, deren Mitglieder als Kinder schon früh in den kriminellen Alltag von Drogenhandel und Waffenschmuggel eingeführt werden. Als Handlanger und Boten lernen sie den nackten Kampf ums Überleben. Sie ziehen, mit Pistolen bewaffnet, durch die Gassen der Favela, kontrollieren ihr Revier, treiben Schulden ein und versetzen die Anwohner in Angst und Schrecken.

Buscapé indes wächst zwischen den Fronten auf. Um ihn herum tobt der Kampf um Macht und Drogen, dem er zu entfliehen versucht. Später möchte er Fotograf werden. Zufall, Glück oder der eigene Wille, vielleicht ein bisschen von allem, lassen ihn nicht Mitglied einer Drogenbande werden. Die Kontakte dorthin hat er trotzdem. Sei es das Rauchen eines Joints, die Liebe zu einem Mädchen oder die bloße Bekanntschaft mit ein paar Jungs aus der Nachbarschaft, die ihn ein ums andere Mal in den gefährlichen Dunstkreis der Gangs geraten lassen.

Der König des Untergrunds ist Dadinho, genannt Locke. Ebenfalls in der „City of God“ aufgewachsen, steht er seit frühester Kindheit im Gefolge seines Bruders, der Teil einer Bande Kleinkrimineller war und sich mit Diebstahl jedweden Zeugs, meistens Geld und Schmuck, über Wasser hielt. Locke erkennt früh, dass ihn das auf Dauer nicht befriedigt und begeht Morde. Die erbärmlichen Streifzüge durch Läden und Hotels sind ihm nicht genug. Gut 15 Jahre später hat er sein Ziel erreicht. Skrupellos und gefühlskalt hat er sich den Weg an die Spitze eines, seines Drogenkartells gebahnt, dass seine Fühler weit über die Grenzen des trostlosen Vorortes ausstreckt. Er ist berühmt und berüchtigt zugleich. Doch er hat einen Nachteil: er ist hässlich.
Liebe hat er nie erfahren. So muss er sich die Frauen kaufen oder das tun, was er immer getan hat: er wendet Gewalt an.

Eines Tages taucht ein Junge namens Mané auf. Dieser wird wenig später Zeuge, wie seine Freundin vergewaltigt wird. Seit diesem Tage schwört er Rache und beschließt, Locke zu töten. Er schließt sich einer Bande von Drogendealern an, die in ihrem „Job“ neben Locke überlebt haben. Sie versorgen ihn mit Waffen und dienen als Anlaufpunkt für all diejenigen, die ebenfalls zum Kampf gegen Locke bereit sind. So mobilisiert er eine Armee von Kindern, die alle nur das Gleiche wollen: Lockes Tod. In der „City of God“ bricht der Krieg aus.

„Kann es etwas Gefährlicheres auf der Welt geben als ein Kind mit einer Waffe in der Hand?“, fragt Fernando Meirelles und gibt mit seinem Film eine schonungslose Antwort. Mit eiskalter Präzision beschreibt er den Krieg in der „City Of God“ und das Aufwachsen der Protagonisten über einen Zeitraum von mehreren Jahren. Virtuose Schnittfolgen lassen den Betrachter zwischen Vergangenheit und Gegenwart springen und die Brutalität der Ereignisse sichtbar werden. An deren Ende steht ein grausamer Krieg, in dem sich zwei Banden gegenüberstehen, die sich abgrundtief hassen, aber viele Mitglieder beider Seiten eigentlich nicht mehr genau wissen warum. Wofür kämpfen sie? Für wen riskieren sie ihr Leben?

Meirelles hat diese und andere gewichtige Fragen aufgegriffen und sie in seinem in erster Linie dokumentarisch wirkenden „Film“ zu einer gewaltigen Anklage formuliert. Sie zielt vor allem auf die Zustände in der Favela ab, die einen Nährboden für Gewalt, Drogen und Mord bildet. Als ebenso großes Übel prangert er die Korruption an, die den Staat zu lähmen scheint und die geschmierten „Diener“ desselben dem undurchsichtigen Gestrüpp aus bewaffneten Konflikten und kriminellen Deals hilf- und willenlos gegenüber stehen lässt.
Doch solang in diesem Prozess kein Urteil gefallen ist, wird die Stadt Gottes nicht zur Ruhe kommen. Der Kampf um Leben und Macht geht unaufhaltsam weiter…

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