Da kiekste, wa? – Ick und der Jakob und Berlin!

Eine Literaturkritik

Ein Mann macht mit seinem Hund einen Spaziergang. Ein Anderer kommt ihnen entgegen. Der Hundebesitzer meint abwinkend: „Keene Angst, der Hund tut dir nich beeßn!“
„Der Hund beißt dich nicht“, erwidert der Mann.
„Nee, nee, der Hund beeßt DIR nich!“
„Beißt DICH nicht!“,
nun ist der Hundebesitzer verwirrt:
„Hä, aba warum sollern mir beeßn, mir kennta doch!?“
Verstehste, mir beeßn, mir kennta doch!!!!!!
Ich hau mich weg, aber Jakob, was ist los, hast du den Witz nicht verstanden? Nun mal Butter bei die Fische, du bist keen Berliner, wa?

Naja ist doch ganz einfach, Berliner schmunzeln darüber, du legst nur deine Stirn in Falten. Ist aber nicht so wild, hast dir ja viel Mühe gegeben mit deiner „Gebrauchsanweisung für Berlin“. Und schon der Einstieg ist sehr lustig, und Jakob, haste echt gut gemacht, dich in demütiger Haltung zu geben, denn du hast richtig erkannt, die Berliner sind schon ein sehr eigenes Völkchen. Und du als Leipziger hast es erfasst. Diese Gebrauchsanweisung hätte auch kein geborener Berliner geschrieben (und lesen werden es auch die wenigsten), denn schließlich ist es ja so: „Ein echter Berliner würde sich doch niemals dazu herablassen, einem anderen etwas über Berlin zu erzählen. Wozu auch? Der Berliner hat kein Bedürfnis, irgend jemandem etwas über seine Stadt zu erzählen. Was soll es groß zu sagen geben? Berlin ist die beste Stadt der Welt, wer was anderes behauptet, bekommt Schläge.“
Ob ich mich wieder finde? Weil „ein echter Berliner niemals irgendetwas in Leipzig gut finden würde“? Na, das will ich jetzt so nicht beantworten, unser Gespräch wird ja schließlich in Leipzig gelesen und da möchte ich es mir nicht so schnell verscherzen. Aber du hast Recht, „denn ein bißchen ist es mit Berlin wie mit den USA: Wer auf dem Staatsgebiet geboren ist, hat automatisch Mitbürgerstatus. Alle anderen haben ein Problem.“
Nee, Jakob, ist schon richtig, Berlin besteht aus mehreren Städten, haste genau erfasst und deine nette Erläuterung zur Entstehung der Stadt ist auch sicher interessant – nur halt nicht für Berliner, wa.
Du hast so schön die Eigenschaften der einzelnen Bezirke und – huch, schau an, ein Berliner benutzt doch noch das Wort – den Kiez beschrieben. Mitte ist Mitte, Prenzlauer Berg Schickimicki und F’hain die Szene, aber sind wa mal ehrlich, das steht in jedem Reiseführer. Nee, wirklich, hab ich gesehen, abgepreist bei Kaufhof, nur 4,90.
Was ich nicht so toll fand? Ach, Jakob, du als Wahlberliner weißt doch, auch die Berliner schauen sich die Sehenswürdigkeiten an, gut, sie deklarieren sie vielleicht nicht so, doch jeder von uns war auf der Museumsinsel, im 100er Bus, in der Synagoge, bei den Ramones, am Brandenburger Tor und auf dem Fernsehturm. Mensch, da haben wir früher Kindergeburtstag gefeiert. Also warum unterstellst du uns Desinteresse? Ja, da sieht man, dass du doch nicht alle Ecken kennst, oder wolltest du sie nur versteckt halten?
Ah, daher weht also der Wind du Wicht. Hätt mich auch gewundert, wenn du keine Alternative zum teueren Fernsehturm wissen würdest. Is schön da, wa? Ja gefällt mir auch besser, sind halt nicht die ganzen Touris da.
Was toll war? Na ganz klar „Beschleunigter Dialog“, schön, dass du gerade stellst, dass wir nicht unfreundlich sind, es ist die Berliner Schnauze. Jetzt besteht Hoffnung, dass ein Fremder nicht mehr unsere Gespräche stört, nur weil er Angst hat wir streiten. Sicher die Umgangsformen sind rau, aber der Inhalt ist pure Höflichkeit. Unsere Busfahrer schnauzen zwar den Fahrgast an, auf den man warten musste, weil sein Sprint zu langsam war, aber er darf mitfahren. In anderen Städten schnauzt man vielleicht nicht rum, aber der Bus ist weg. Ja und da sind wir auch bei der nicht bestehenden Hass-Liebe, denn es ist wirklich nur Hass den wir gegenüber der BVG empfinden. Dein Tipp für alle Gäste lange vor den Automaten zu stehen um dann unbezahlt auszusteigen, ist übrigens für uns fatal, was sollen wir denn dann machen? Die BVG ist zwar blöd, aber auch diesen Trick durchschauen Frau Müller und Herr Schulze.
Du hast das ja auch wieder ausgeglichen, Jakob, keine Angst. Deiner Schwärmerei für das Berliner Nachtleben kann ich mich nur anschließen, toll das es hier bis „in die Puppen geht“ und man auch am Sonntag 4.39h noch ein tolles Essen bekommt und die Bahn fährt, denn „das dicke B oben an der Spree“ hat die Müllabfuhr und die anderen die Sperrstunde, so oder so ähnlich.
Ja, das fehlt Leipzig, auch all die verschiedenen Clubs, ach hör mir auf, da bekomm ich ja Heimweh. Aber nun lenk nicht ab. Du wagst es zu behaupten, wir hätten kein Geschmack beim Essen und das Bier wär „nicht soo toll“? Was fällt dir ein! Wir haben tolle Buden, der Atze macht dir Rot-Weiß so gut wie kein zweiter und lieber ne Flasche Bier als Freund, als ne Flasche als Freund! Wenn es mal gediegener sein soll, dann geh zur Oranienburger oder Hufelandstraße. Du meinst, das ist alles nur Fassade? Jetzt pass mal auf Keule, bei uns ist das halt einfach cooler, kann ja keiner was dafür, dass sich graue Mäuse hier unwohl fühlen und sich über „komisch gekleidete“ Leute wundern. Für uns ist das normal. „Der Begriff >normal< ist in Berlin außerordentlich weit gefasst.“ . Deshalb ziehen ja auch so viele hierher, die anderswo auffielen. „In ihnen erwacht der Ehrgeiz weiterhin aufzufallen, der Individuellste in dieser Stadt der Individualisten zu sein“. Ja und wir zwee wissen, das ist schwer. Richtig, wir praktizieren eine Art polyvalenter Intoleranz: jeder lebt nach seiner Fasson (der alte Preußenkönig hat’s erfasst Mensch Jakob, das zieht!). Der Berliner legt es zu seinen Gunsten aus „Ich mach nur was ich will, und das ist auch gut so!“ oder einfach: Berliner dürfen dit! Und weil der Rest nicht auch das macht was er will (man, haben die einen Stock im Arsch), ist das für uns gleich mal bescheuert.
Aber nun ist auch mal Schluss. Hat mich gefreut Jakob. Machen wa mal wieder! Und ja, dein Buch hat mich zum schmunzeln gebracht, aber vielleicht auch nur, weil ich jetzt in Leipzig bin und es zwar die Heimat ist, in die ich immer wieder zurückkehre, aber mir diese Besonderheiten nun auch auffallen, da Leipzig schon anders ist und man sich anders gibt, aber ja nun trau ich mich, ich Verräter: anders, aber das heißt nicht gleich schlechter.
Besser? Ach Jakob, komm schon? Du hast es doch selbst geschrieben und fühlst es auch: das geht nicht!
Ach, da fällt mir noch einer ein, kennste auch: Ick sitz in der Küche und eß Klops. Uff eemal klopts. Ick kieke, staune, wundre mir – uff eemal isse uff, die Tür. Nanu denk ick, ick denk: nanu. – Nu isse uff, grad warse zu. Ick jee raus und kicke. – Und wer steht draußen? Icke.
Na siehste Jakob, da lächelste auch!

Hein, Jakob: Gebrauchsanweisung für Berlin. Pieper Verlag , 2006. 160 Seiten, 12,90€.

2 Antworten zu “Da kiekste, wa? – Ick und der Jakob und Berlin!”


  1. 1 Bart!

    wer braucht noch das buch von jakob, wenn er diese kurzfassung lesen… tut – gut zu wissen, dass die berliner herkunft noch nicht verblasst ist ;o)

  2. 2 Martin

    ach sehr schön .. hab gut gelacht beim lesen. und die stellen mit der bvg .. :D hab ich heute erst wieder erlebt.

    mehr davon!

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