
Es gibt Dinge im Leben, deren Sinn man trotz aller Bemühungen nie ganz versteht. Was hat die Liebe zum gedruckten Wort etwa damit zu tun, in Messenhallen mit der Gemütlichkeit einer Shopping-Mall, eingezwängt in einer Herde dick bebeutelter Menschen und von ihr zwischen Regalen und Verkaufsständen, Druckwerken und Durstlöchern, Hörbüchern und Bockwürsten hindurch umhergetrieben zu werden? Es ergibt doch keinen Sinn, Bücher wie Autos oder Fernseher auszustellen, weil sich ihre Qualität erst im vollständigen Lesen zeigen kann. Liegt es an meiner ausgeprägten Misanthropie, oder stehen Büchermessen nicht tatsächlich im Gegensatz zum Charakter des Lesens als einer ganz persönlichen, in geistiger Zurückgezogenheit ausgeführten Tätigkeit? Nur die alleinige Konzentration auf den Text ermöglicht, neben der bloßen Wahrnehmung der einzelnen Wörter, auch das Erleben und Verstehen des Geschriebenen. Aus genau diesem Grund ist ein Leser nicht multitaskingfähig. Lesen ist schlicht eine interaktionsfreie Oase. Einfach mal den Mund halten und die Finger weg von Computer, Handy und ihren unzähligen Verwandten.
Das Buch – Hörbücher zähle ich ausdrücklich nicht dazu – konnte sich erstaunlich lange der Digitalisierung unserer Lebenswelt widersetzen. In dieser Welt digitaler Medien und grenzenloser Interaktion ist es zu einem Anachronismus geworden. Nun bröckelt allerdings auch noch diese letzte analoge Festung. So galt auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse bereits ein Schwerpunkt dem elektronischen Buch. Elektronische Dokumente gibt es beinahe schon so lange, wie es Computer gibt, demnach eine gefühlte Ewigkeit. Vor allem Dateien im .pdf-Format begegnen uns ständig bei unseren Reisen ins Innere des Netzes. Dennoch konnten sie sich bisher, jenseits wissenschaftlicher Publikationen, nicht als ernstzunehmender Ersatz für ihre gedruckten Geschwister etablieren. Dies liegt in erster Linie daran, dass diese sogenannten e-books bis jetzt in ausreichender Qualität nur am Computer selbst gelesen werden konnten. Lesen bedeutet für die meisten Menschen jedoch Entspannung, welche allerdings nur für wenige vor dem Computer zu erreichen ist; da helfen auch nicht die kleinsten und leichtesten Notebooks. Computer, auch wenn sie noch so mobil sein mögen, sind nun mal vor allem Arbeitsinstrumente, wenn es dabei auch Ausnahmen geben mag. Schon die Haltung die man vor ihnen zwangsläufig einnimmt schränkt die Möglichkeiten des entspannten Lesens erheblich ein.
Inzwischen scheint diese technische Hürde aber überwunden. Es gibt nun Geräte, zum Teil sogar handlicher als ein gedrucktes Buch, deren Displays ermüdungsarmes Lesen ermöglichen. Darüber hinaus bieten sie die Möglichkeit, e-books direkt aus dem Internet zu kaufen und kabellos zu laden. Zusätzlich können Zeitungen oder Magazine abonniert werden und das alles, ohne die Lesegeräte mit einem Computer zu verbinden. Da begrenzte Speicherkapazitäten heutzutage und zumal bei dem vergleichsweise geringen Speicherplatzbedarf von e-books keine wirkliche Einschränkung bedeuten, fassen diese Geräte ganze Bibliotheken. Dabei unterbieten sie in Größe und Gewicht sogar einige Taschenbücher. Neben der praktischen Bequemlichkeit ist ein grundlegender Vorteil offensichtlich. Gegenüber gedruckten sparen elektronische Bücher erhebliche Ressourcen ein, und schonen damit die Umwelt; wobei der Stromverbrauch der Lesegeräte allerdings nicht vergessen werden darf. Hinzu kommt der partizipative Aspekt von e-books, welcher keinesfalls vernachlässigt werden sollte. Diese Technologie ermöglicht es jedem Menschen, sein eigenes Buch zu veröffentlichen, unabhängig von den kommerziellen Vermarktungschancen seines Inhalts. Zudem ist im Vergleich die elektronische Version eines Buches naturgemäß stets deutlich günstiger als die gedruckte. Bücher, bei denen das Urheberrecht (in Deutschland nach 70 Jahren) erloschen ist, können sogar kostenlos aus dem Internet geladen werden. Die beste Möglichkeit dafür bietet das internationale gemeinnützige „Project Gutenberg“.[1] Das bereits 1971 gegründete Projekt kann inzwischen auf ein Angebot von über 25.000 Büchern in mehr als 20 Sprachen verweisen und die Zahl wächst stetig weiter. Gut 500 e-books davon sind in deutscher Sprache erschienen, unter anderem Werke Heinrich Heines und Franz Kafkas, aber auch englische Klassiker von William Shakespeare. Eines haben alle e-books gemeinsam: Die Möglichkeit zur Volltextsuche. Vor allem im Umgang mit Sach- und Fachtexten ist dies von unschätzbarem Vorteil.
Trotz dieser überzeugenden Möglichkeiten werden die neuen Lesegeräte für e-books vermutlich keine technische Revolution ähnlich der Digitalisierung der Fotografie auslösen. E-books stoßen auf eine Mauer von Vorurteilen, welche die Vorbehalte die es gegenüber der Digitalfotografie anfangs gab, in ihrer unerschütterlichen Resistenz bei weitem übertreffen. Diese grundsätzliche Ablehnung liegt nicht unbedingt in einem irrationalen Technik-Skeptizismus lesender Menschen begründet. Der Grund betrifft vielmehr die Natur des Lesens als einer enttechnisierten Zone unseres Alltagslebens. Weitaus stärker als in der Musik oder Fotografie sind im gedruckten Buch Information und Medium in einzigartiger Form miteinander verschmolzen. Die Ablösung des Textes von seinem Träger ist daher ungleich schwerer zu vollziehen, was schon an der Bezeichnung „e-book“ deutlich wird. Während zum Lesen nie mehr nötig war als das Medium Buch selbst, sind wir bei Musik und Fotografie seit jeher an die Verwendung mechanischer Abspiel- bzw. Aufnahmegeräte gewöhnt. Der Umstieg von der Analog- zur Digitaltechnik war so nur ein vergleichsweise kleiner Schritt, welcher zudem fast nur Vorteile gegenüber der Handhabung und Qualität der bisherigen Technologie bot. Das Lesen eines elektronischen Buches erfordert eine weitaus größere Umstellung, nicht nur in der Bedienung, sondern vor allem in der Haptik. Das Blättern und Streichen durch eine Fülle dünner Papierseiten und der Geruch gedruckter Worte sind eng mit dem eigentlichen Leseerlebnis verbunden. Hinzu kommt, dass Bücher über etliche Jahrhunderte zu einem wichtigen Statusobjekt und Wohnaccessoire geworden sind, auf das vor allem sich für gebildet haltende Menschen nicht verzichten können. Bourdieu hätte diesen Zweck als Distinktion bezeichnet. Hesse und Sartre werden eben im Wohnzimmer nicht nur aufbewahrt, sondern leisten ihren Beitrag zur Abgrenzung und Verortung innerhalb der Gesellschaft. Ein vermeintlich prall gefülltes Lesegerät wird diese Aufgabe nie erfüllen können.
Angesichts der Vorteile von elektronischen Büchern mögen diese Gegenargumente häufig irrational klingen, doch Poesie und Belletristik pfeifen schließlich auch auf Vernunft. Indessen wird bei der Auseinandersetzung mit dem Thema oft eines missverstanden: Es ist keinesfalls eine Frage des Entweder/Oder. Am Beispiel der Digitalfotografie wird deutlich, dass auch digitale Technik gedruckte Medien nicht zwangsläufig überflüssig macht. Ganz im Gegenteil sie kann dazu beitragen Auswahl und Qualität zu verbessern.
Einen entscheidenden Vorteil könnte der Durchbruch der e-books auf jeden Fall haben: Büchermessen bestehen in Zukunft vielleicht nur noch aus Lesungen. Auf Regale mit sinnlos ausgestellten Büchern oder Prospekten sowie auf Menschen- und Beutelmassen könnte dann endlich verzichtet werden.
[1] Achtung, nicht zu verwechseln mit dem deutschen kommerziellen Angebot „Projekt Gutenberg“.
Project Gutenberg: http://www.gutenberg.org
Foto von noellium auf Flickr
(http://www.flickr.com/photos/designosophy/2298109777/)


0 Antworten zu “Das Buch der Bücher”