Das empfundene Sein einer gesunden Volkswirtschaft

Am gesündesten fühle ich mich an sonnigen Tagen.
Aber auch an trüb verregneten, graukalten Tagen lebt mein Gefühl in sorgenfreien Nachmittagen. Alles, aber auch alles, scheint für immer behütet und wohl aufgehoben in unserer Einfamilienhaus-Siedlung am Rande meiner/ einer Großstadt.

Fernab jeglichen Autobahnlärms, drängelnder, in Eile luftholenden Freizeit-Stressarbeiter stehe ich vor meinem Fenster und betrachte durch die frisch geputzte Scheibe unsere Straße. Kinder laufen zum Bäcker, das Grün der Bäume um die Bushaltestelle herum am nahe gelegenen Park, mit diesen friedvoll wartenden Fahrgästen, zeigt mir eine andere Welt. Der Radfahrer, der mit buddhistischer Ruhe, in die nächste Seitenstraße, vorbei am heranfahrenden Bus, mit heraus gestrecktem linken Arm signalisierend abbiegt, zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht. Der Blick auf die Silhouette des Waldes am Horizont, die Erinnerung an schweißtreibende Waldläufe, gibt mir Kraft. Am liebsten würde ich diesen Augenblick und das damit verbundene Gefühl für jeden sichtbar machen. Alle sollen sich beim Anblick meiner „Heilen Welt“ wohlfühlen. Fast schon scheint mir meine kleine „Heile Welt“ so schön und unnahbar wie die Schneekugel, die ich aus New York mitgebracht hatte und welche nun unverändert, und jeglichen Umwelt- und Zeiteinflüssen von außen trotzend, auf meinem Schreibtisch steht.
Der heranrollende Bus signalisiert sein pünktliches Ankommen mit einem lauten, aber doch vertrauten Motorgeräusch. Beim Anblick des Treibens überkommt mich ein Gefühl der Geborgenheit und unendlicher Stärke. Verträumt stehe ich in einer fremden Welt, die, sobald ich sie verlasse, Heimweh bei mir hervorruft.
Das Grüne der Gärten hinter unserem Haus, die gesunde Luft, der blaue Himmel, die zwitschernden Vögel und die fröhlichen Hauseigentümer geben mir mit jeder Minute, die ich länger am Fenster stehe, das Gefühl einer gesunden Volkswirtschaft. Fast scheint es meine eigene kleine Welt in dieser großen dunklen Stadt zu geben.
Schalte ich den Fernseher mal eine Tag lang nicht ein und verbringe die Zeit nicht mit Nachrichten schauen, lese ich mal einen Morgen zum Frühstück nicht die Zeitung oder schalte zum Duschen nicht das Radio an, so bleibe ich von jeglicher Schlagzeile, die das Kränkeln der Volkswirtschaft zum hundertsten Mal ankündigt, glücklich für den Moment verschont.
Mir geht es gut an solchen Tagen. Ich sitze dann an meinem Schreibtisch.
Trinke Milch und erfreue mich der Zeilen, die ich in mein iBook schreibe.
Ab und zu vergewissere ich mich dann bei einem Blick aus dem Fenster der „Heilen Welt“, die mich in diesen Momenten umgibt. Der architektonische Gedanke einer griechischen Ferienhaussiedlung, alle Häuser unserer Nachbarschaft sind mit blauen Fensterrahmen und einem weißen Hausanstrich versehen, lässt mich immer wieder schmunzeln. Urlaub im eigenen Garten kann so schön sein. Die Gedanken sind frei. Mit lästigen Dingen plagt man sich nicht herum. Kurz gesagt, im Urlaub kann man entspannen und endlich fernab der Heimat abschalten. Und genauso fühle ich mich, nämlich wie im Urlaub, wenn ich aus dem Fenster sehe. Alles scheint so weit weg. Moritz Rinke formulierte in seinem Buch “Der Blauwal im Kirschbaum. Erinnerungen an die Gegenwart” folgende treffende Aussage: „Ich hörte, wie der Nachbar die Gartensprenganlage anstellte und wie in der Ferne Hunde bellten. Sonst war es ganz still. Am Rande der Stadt war Berlin plötzlich so anders, so aus der Welt genommen, geruhsam und schön.“
Diese Harmonie wird erst dann gestört, wenn ich mich in die S-Bahn setze und in die Stadt fahre. Hektik kommt auf. Plötzlich wird mir an den bettelnden Menschen um mich herum wieder klar, dieses Gefühl einer gesunden Volkswirtschaft ist leider nur ein Traum. Persönlicher Besitz kann zwar nach Außen hin Gesundheit symbolisieren, aber das Individuum, das dahinter steht, ist vielleicht schon krank.Meiner naiven Vorstellung nach kann sich doch nur derjenige ein Einfamilienhaus leisten, der vom runden Kuchen ein Stück mit Sahne abbekommt. Und wieder träume ich. Wieviel Kraft muss ein Mensch aufbringen, um einen Kredit von 125.000 € für ein Haus abzuzahlen? Das Opfer, welches meine Eltern und all die anderen Einfamilienhaus-Besitzer tagtäglich aufbringen, ist enorm. Und nur damit ich, wenn ich in einer träumerischen Minute am Fenster stehe, das Gefühl einer gesunden Volkswirtschaft spüre.
Dass die Welt sich trotzdem weiter dreht, Leute entlassen werden, soziale Schicksale immer wieder aufs Neue die Schlagzeilen der Tagespresse füllen, das erfahre ich dann jeden Morgen, wenn auch ich meinen Beitrag zum Brutto- Sozialprodukt beisteuere.

2 Antworten zu “Das empfundene Sein einer gesunden Volkswirtschaft”


  1. 1 marian

    Ab jetzt befindet sich im Autorenbereich oben ein Link: “Hilfe zum Blog im Wiki”. Dort steht u.a. wie man Teaser, also was auf der Startseite erscheint, vom Rest trennt.

  2. 2 marian

    Das Leben in den Vorstädten ist von verklärter Wahrnehmung geprägt: “heile Welt” halt. Aber nicht nur das: soziale Vereinzelung und das Trennen verschiedener Schichten (Klassen) hängt ja auch damit zusammen. Pendler, die ihre Nachbarn nicht kennen und Innenstädte die in der Nacht zu Geisterstädten werden. Auch wenn es in Deutschland / Europa vielleicht noch nicht ganz so arg ist, gibt es diese ‘Phänomene’ hier ganz genauso.

    Es gibt einen Film zum suburbanen Traum und den Preis, den man zahlt, um ihn zu leben: The End of Suburbia. Ich würde ihn mir ja mal gerne anschauen…

Eine Antwort hinterlassen