Man stelle sich einen sonnigen Freitagmorgen im Mai vor, ein Menschlein geht seiner Wege, vielleicht zum Arzt oder zum Frisör, egal, auf jeden Fall braucht es zum Glücklichsein eine Tageszeitung (oder wahlweise auch ca. 1 l Kaffee, um fröhlich und frisch in den Tag zu starten), denn es ist mit einer Wartezeit während seiner Besorgungen zu rechnen. So weit, so gut.
Die Zeitung meiner Wahl sollte also die viel gelesene „Magdeburger Volksstimme“ sein, zu 0,75 € das Stück. Wie der geneigte Leser nun schon ahnt, war dieser recht bescheidene Wunsch nicht so ohne weiteres zu erfüllen. Ich machte mich also auf zum nächstgelegenen Bäcker auf der Halberstädter Straße, um dort die ersehnte Gazette zu erwerben. Doch was sahen meine vom Schlaf noch halb verklebten Augen – statt des informativen Stadtblättchens nur einen widerlich großen Stapel aus BILD-Zeitungen… „Das kann es ja nicht sein“ dachte ich mir und verließ, noch einigermaßen enttäuscht das Lokal, um 200 Meter weiter bei einem anderen Vertreter der Bäckerszunft mein Glück zu versuchen. Wer gibt sich schließlich mit einem solchen Käseblatt zufrieden? Nun denn, ich stiefelte ins Geschäft, die dicke Bäckerin sah mich freudestrahlend an: „Was wolln sen?“-„Eine Volksstimme, bitte.“-„Ham wa nich, weil Nachfrare zu jering.“-„Aha.“ Nun ja. Dieser aufschlussreiche Dialog mag meinen dritten Gang nach Canossa erklären. Im dritten Bäckereifachgeschäft angekommen, welches mit dem schönen Namen „Bäckerei Erntebrot“ (Nein, das ist keine Schleichwerbung, sondern notwendig, um dem Leser den Überblick bei der ausufernden Anzahl der Läden zu bewahren) ausgestattet war, ließ ich mich erst einmal ermattet auf einem der Thekenplätze nieder und bestellte einen Kaffee zum Mitnehmen und irgendein Plunderstück mit möglichst unanständig viel Schokolade, während ich meinen Blick auf der Suche nach Neuigkeiten im Tagesgeschehen über die Auslagen auf der Theke schweifen ließ. Entmutigt, ach gebrochen musste ich wiederum feststellen, dass auch hier das Informationsniveau bei Null lag.
Ich weiß nicht mehr, ob es der Kaffee war oder der viele Zucker, auf jeden Fall ließ ich mich dazu hinreißen, eine der BILD-Zeitungen zu kaufen, übrigens das allererste Mal in meinem Leben, versprochen! Ich dachte immer, dem allerersten Mal seien nur ganz besondere Dinge vorbehalten, etwa das erste Fahrrad, das erste graue Haar oder eben der erste eigene Artikel, bloß der Erwerb dieses Revolverblattes sollte doch mal ganz subjektiv nicht dazu gehören. Wie auch immer, an diesem Morgen reihte ich mich also in die lange Schlange der BILD-Leser ein, was für ein Gefühl (Hurra, ich werde dumm!).
Mit dem Hintergedanken daran, bei voraussichtlichem Nichtgefallen das Papier bei der nächstbesten Sero-Annahmestelle loswerden zu können, verließ ich den Laden um mich meiner Wege zu widmen. Doch das war natürlich, wie sollte es auch anders sein, noch nicht der letzte Streich, ein vierter folgte in Gestalt der allerletzten Brötchenfabrik an der ich vorbeikam…welche natürlich die „Volksstimme“ genauso wie die „BILD“ offerierte. Was für ein Schlag ins Gesicht! Schuldbewusst kaufte ich sofort ein Exemplar, um mich von meinen just begangenen Sünden freizukaufen, auch auf die Gefahr hin für diesen schändlichen Ablasshandel mit einem Post-It® an meiner Stirn voller anklagender Thesen als Strafe einem Tag lang herumlaufen zu müssen. Ich lernte aus dieser Begebenheit folgende zwei Wahrheiten. Erstens: gib dich nicht zu schnell einer Versuchung hin, es könnte noch eine bessere kommen und zweitens: in Magdeburg gibt es eindeutig zu viele Bäcker…


Richtig gelesen ist die Bildzeitung ein Spiegel der Gesellschaft. Zugegeben nicht der Ganzen, allerdings ein nicht zu verachtender Teil.
Außerdem kann man dich nur bewundern. Nach drei Bäckern hätte ich schon so viel Kuchen verputzt, dass ich mich gar nicht mehr getraut hätte, den vierten überhaupt noch anzuschauen.
Nachdem sogar Profs von mir zugegeben haben, dass die Bildzeitung gut sei, um sich einen Überblick (Und zu mehr taugt sie auf gar keinen Fall!) über wichtige Themen zu verschaffen, habe ich nicht mehr ein ganz so schlechtes Gewissen, wenn ich sie jetzt immer mal im Pausenraum überfliege…