“Die Grüne Zitadelle von Magdeburg ist eine Erholungskapsel, ein Freudenspender und eine Wiedergutmachung an der anonymen, kalten, menschenverachtenden modernen Architektur la mode.” Friedenreichs Hundertwasser
Die ihm und seinen Austellungsexponaten gewidmete Ausstellung zeigte genau diese Zitadelle als eröffnendes Model. Damals war mir noch nicht bewusst, dass der Verwirklichung nichts mehr im Wege stand. Die “Grüne Zitadelle” war mir nicht realistischer als alle anderen ausgestellten Modelle. Noch nie hatte ich ein Hundertwasserhaus in natura gesehen oder von innen besichtigt. Die dort ausgestellten Modelle sahen für mich verspielt, völlig fremd, gleichzeitig beeindruckend aber auch irgendwie alle gleich aus. So richtig wollte ich nicht begreifen was mit der Verwirklichung der Zitadelle in Magdeburg Hundertwassers Absicht war. Gerade Wände, Fußböden und Decken haben nicht umsonst einen praktischen Nutzen in der modernen Architektur. Formen für ein Bauwerk zu nutzen, die der Natur nachempfunden worden, war mir bis dato fremd und ist es heute noch. Sollte ein solches Projekt Wirklichkeit werden können? Am Glaskasten des Modells der “Grünen Zitadelle” im Forieè war zu lesen, dass die Grundsteinlegung am 19. März 2004 stattfinden sollte. Dieser wichtigen und folgenreichen Bemerkung schenkte ich wenig Aufmerksamkeit.
Durch die Planung und Durchführung des Baus soll die architektonische Vielfalt des Breiten Weges im Zentrum der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts bereichert werden. War das Hundertwassers Absicht? Oder wollte er vielleicht etwas ganz anderes? Ging es ihm um Prestige? Oder um eine Touristenattraktion? In meinen Augen haftet dem ganzen Projekt etwas Fragwürdiges an, was es im Einzelnen ist, soll am Ende dieses Beitrages erörtert und zur Diskussion gestellt werden.
Das letzte Verwirklichte Hundertwasser-Projekt wird es auf jeden Fall.
Seine Bauten, in Wien, in Italien oder in Deutschland haben die Menschen jeher begeistert, auch diese Vision wird Wirklichkeit werden und seine Freunde/ Fans/ Anhänger finden. Ist es Hundertwasser Projekte sollen eine Verbindung zwischen Mensch, Architektur und Natur sein. Vom Menschen, für den Menschen. Zurück zur Natur, weg von dem Gleichklang starr konstruierter Gefängnisse moderner Fantasielosigkeit.
Dieser Beitrag entsteht nicht aus der tiefen Bewunderung an die Person Hundertwasser oder seine architektonische Stilrichtung, nicht aus dem Interesse an Heimatpatriotismus, nicht aus Liebe zur Stadt Magdeburg, nein, sondern aus der geschichtlichen Bewandtnis der Magdeburger Zitadelle zur Zeit des 7-jährigen Krieges.
Da es leider keine Aufzeichnungen von Hundertwasser gibt, welche auf die Namensgebung der “Grünen Zitadelle” verweisen, ist die nun folgende Ausarbeitung ein reines Konstrukt meiner eigenen Nachforschungen und Hypothesen.
Zitadelle: [aus frz. Citadella, von italien. cittadella, eigentl.= kleine Stadt], bes. Befestigung innerhalb der Verteidigungsanlage einer Stadt oder Festung, je nach topographischen Gegebenheiten am Rand oder oberhalb der Gesamtanlage; von den übrigen Befestigungswerken, auch gegen eine Stadt durch Gräben und ein Schußfeld gesichert.
Die ursprüngliche Bezeichnung „Zitadelle Kurbrandenburgs im Herzogtum Magdeburg“ wurde schon zum Jahre 1666 erwähnt. Die Pläne des Feldmarschall Sparr „der vorsah, die Zitadelle um den Dom herum zu erbauen, ohne Rücksicht auf dessen sakralen Charakter,“ wurden von Friedrich Wilhelm abgesegnet und zur Umsetzung freigegeben. Sparr unterbreitete dem Kurfürsten mehrere Varianten für eine bedeutende Erweiterung der westseitigen Verteidigungsanlagen und zusätzlich für eine Zitadelle als selbstständiges Verteidigungswerk. Finanzielle und amtsrechtliche Hürden ließen die Pläne zum Ausbau einer Stadtbefestigung aber schnell im Sande ersticken.
Die Domzitadelle Detail aus einem der von Feldmarschall von Sparr vorgelegten Pläne. Geheimes Preußisches Staatsarchiv Berlin – Dahlem SPK
Die Zitadelle sollte Teil der Befestigung der Stadt Magdeburg werden. Friedrich Wilhelm interessierte Städte nämlich zuerst als Festung- und Garnisonsorte sowie als Knotenpunkt der Landesverwaltung, nicht zuletzt aber als Objekte geldlicher Begierde. Die Notwendigkeit einer Festungserweiterung lag an der zahlenmäßig starken Truppe die Friedrich Wilhelm besaß und welche samt Familienmitgliedern Quartier in Magdeburg finden musste. Da aber Friedrich Wilhelm eine eher schlechte Zahlungsmoral hatte und dem Vertrag zur Errichtung von Soldaten- und Offiziersunterbringen nicht nach kam, mussten die in Magdeburg stationierten Truppen in privaten Unterkünften eine Platz zum Leben und Wohnen finden. Anfangs waren die „Stubenvermieter“ den Soldaten noch solidarisch gesinnt, die „Kriegsknechte“ mussten aufgenommen werde, doch als ihnen Soldatenfamilien in die Hintergebäude gelegt wurden, taten sich schon 1667/ 78 zwei Dutzend von ihnen (wohlhabendere Hausbesitzer) zusammen, um auf eigene Kosten zwei Baracken beim Krökentor zu erbauen. Nach und nach entstanden in der „Barackenstraße“ weitere derartige „Privatbaracken“. Erst nach 1720 errichtet die Stadt zwischen dem Schrotdorfer und dem Ulrichtor die vier doppelstöckigen, massiven „Ulrichkasernen“ für 64, 32, 16, bzw. 8 Soldatenfamilien. Die Wohnungen bestanden aus einer Stube, in der auch gekocht werden musste, aus einer (schlaf-) Kammer, zum Teil auch nur aus einer gemeinsamen Stube für zwei Familien und zwei von dorther zugänglichen Zimmern.
Die ganze Situation sollte sich 1675 aber schon eine vorzeitige Änderung erfahren. Die Strategische Bedeutung der „Veste Magdeburg“ hatte der Brandenburg – Schwedische Krieg unterstrichen. An der Jahreswende zu 1675 waren die mit Frankreich verbündeten Schweden von Vorpommern aus in Brandenburg eingefallen. Feldmarschall Georg von Derfflinger führte Anfang Juni die brandenburgische Armee, in einem zwanzigtägigen Gewaltmarsch nach Magdeburg. Hier ließ er den Hauptteil der weniger beweglichen Infanterie zur Sicherung des Platzes zurück. Durch den später errungenen Sieg wurde 1679 die Anlage der Zitadelle eingeleitet, um dem Magdeburger Elbübergang als westlichen Zugang ins Brandenburgische dauerhaft sichern zu können, ohne dass ein größeres Militärkontingent dauerhaft stationiert werden musste. Dazu war nun der zwischen der Kleinen und Großen Elbe gelegene Werder ausgewählt, die Stelle der alten Brückenschanze, direkt gegenüber dem Brücktor der Altenstadt.

MAGDEBURG kolorierter Kupferstich nach Gabriel Bodenehr Die Elbansicht vom Werder her zeigt die Zitadelle noch ohne Waffen-, Proviant- und Unterkunftsgebäude.
Nach längeren Vorarbeiten wuchsen die bis zu acht Meter hohen Mauern des gewaltigen Bauwerks seit 1683 empor. Hunderte Maurer, Zimmerer und Hilfsarbeiter waren unter der Leitung des Ingenieur- Hauptmanns Heinrich Schmutzen bis 1702 beschäftigt. Auch der westlich die Stadt umgürtende Hauptwall wurde erhöht, Mauer- und Tortürme, die Belagerungsgeschützen ein deutliches Ziel boten, wurden bis auf Wallhöhe abgetragen und mit so genannten „böhmischen Kappen“ aus aufgeworfener Erde abgedeckt. Die Toranlagen erhielten neue, künstlerisch gestaltete Innen- und Außenfronten. Namentlich mit der Zitadelle war nun ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Magdeburger Befestigungswerke eingeleitet. Von nun an waren die immer größere Ausmaße annehmenden Festungsbauten den politisch – militärischen Interessen des Landesfürsten zugeordnet.
Turm am Krökentor
Grundriß der Zitadelle von 1702
Festung.
Militärsicher Stützpunkt.
Der Ausarbeitung des letzten Abschnittes einzig und allein dem Verteidigungsfall Magdeburgs durch einen feindlichen Angriff dienlich.
Was bitte schön hat das mit der jetzt gebauten „Grünen Zitadelle“ in heutiger Zeit noch gemeinsames, wo liegt heute die Verwendung eines Gebäudekomplexes der einzig nur für militärische Zwecke erbaut und konzipiert wurde?
Betrachtet man sich Hundertwassers Bau auf dem Breiten Weg, so lässt sich die ursprüngliche Bedeutung kleine Stadt zwar erahnen, meiner Meinung nach ist aber die Namensgebung in einer Stadt wie Magdeburg mit diesem geschichtlichen Hintergrund falsch und unpassend gewählt.
Blickt man vom Alten Markt in Richtung Dom, so fallen einem die goldenen Kugeln der “Grünen Zitadelle” ins Auge. Wohnlich und aufgeräumt erscheint einem der Breite Weg beim Spaziergang in Richtung Hasselbachplatz. Der neue Bau fügt sich passend in das Stadtbild des Breiten Weges ein; fast scheint es, als gehöre dieses skurrile Projekt an genau diese Stelle. Das Rosa der Außenfassade und das Grün der bepflanzten Teile des Hauses bilden eine willkommene Abwechslung zur grauen und kalten Fassade des NordLB- Baus direkt neben an. Bei einem Rundgang um die „Grüne Zitadelle“ erscheint es einem jedoch als sei das Haus falsch herum erbaut worden. Die Rückseite der „Grünen Zitadelle“ wirkt offen und freiräumig, einladend und verspielt. Leider ist der Bau der Zitadelle viel zu nah an das dahinter liegende und die daneben gelegenen Gebäude gestellt. Versucht der Tourist bei einem Rundgang das Gebäude von Außen zu erkunden, so bemerkt er schnell, dass die „enge“ Bauweise ihm die Sicht auf die Zitadelle von Hinten und von den Seiten versperrt. Das Staunen über die höher gelegene Hausabschnitte wird dann schnell zur akrobatischen Verrenkbeschauung und schnell beendeten Besichtigung.
Die Frontpartie hingegen erzeugt einen reservierten und verschlossenen Eindruck. Von der gegenüberliegenden Seite des Breiten Weges kann man die ganze Frontpartie der „Grüne Zitadelle“ wahrnehmen. Die weißen Kuppeln mit ihren goldenen Kugeln trohnen anmutig über den Bäumen der Erholungskapsel und vor den Türmen des Magdeburger Doms. Die Fensterfassade, jedes der im Hundertwasserhaus eingelassenen Fenster hat eine andere Größe, wirkt mit der eigentümlichen Bemalung fast schon kitschig. Der blaue Lidschatten um jedes Fenster herum gibt dem rosa Hintergrundanstrich eine ganz eigene, auf eine gewisse Art und Weise tuntige Ausstrahlung im doch eher grauen Stadtbild des Breiten Weges. Etwas verloren schein die Zitadelle aber trotzdem an diesen Ort gebaut. Das NordLB- Gebäude mit seiner futuristischen Außenfassade, welches direkt neben der Zitadelle schon vorher in der Sonne funkelnd den Dom anstrahlte, lässt die „Grüne Zitadelle“ eher alt und verwelkt erscheinen. Verspielt und fast mittelalterlich trohnen die Burgzacken als Abschluss eines architektonischen Traumes über den Dächern Magdeburgs. Fast uneinnehmbar reckt sich der Wandabschluss in den blauen Sommerhimmel. Noch ist das Haus für Interessierte nicht zugänglich, der Shop auf der anderen Straßenseite jedoch lässt erahnen wo das Projekt „Grüne Zitadelle“ hinführen soll. Leider ist Friedrich Hundertwasser vor der Verwirklichung der Zitadelle in Magdeburg verstorben, Informationen weshalb Hundertwasser dieses Projekt verwirklichen lassen wollte, gibt es daher nicht mehr oder wenn doch, dann nur in einem sehr kleine, begrenzten Rahmen. Zum nachlesen hängen Erklärungen im Shop eingerahmt an der Wand, mitnehmen und fotografieren ist aber strengsten verboten. Der Museumsshop im Keller, der dann im Oktober 2005 eröffneten Zitadelle, soll als Anschauungsort dienen und wird hoffentlich neue Erkenntnisse ans Tageslicht bringen. War man bereits einmal in Wien und konnte dort das Hundertwasserhaus besichtigen, so sollten bleibende Erinnerungen von der Innenarchitektur zurück geblieben sein. Der Fußboden in den Fluren und Gängen war uneben, die Wände wiesen auch eine Krümmung auf. Das Vorbild der Natur wurde dort umgesetzt, denn Hundertwasser sagte zu seiner Art Architektur zu verwirklichen: „In der Natur ist nicht gerade. Wir Menschen haben das sterile und gleichförmige geschaffen. Bewegt man sich jedoch mit offenen Augen durch die Natur, so stellt man schnell fest, nichts, aber auch nichts, ist gerade und eben mit unseren Instrumenten aus messbar.“ Erwartungsvoll sehe ich dem Tag der Eröffnung entgegen um mit eigenen Augen, Händen und Füßen die Verwirklichung dieses Traumes zu erforschen und zu bestaunen.
Was aber wird das Hundertwasserhaus für Magdeburg bringen?
Das die „Grüne Zitadelle“ in Magdeburg nach fast 7 Jahren Finanzierungsplanung verwirklicht wurde, ist meiner Ansicht nach allein der Vermarktung wegen erfolgt. Der Termin der Eröffnung liegt doch verdächtlich gelegt mit dem 1200 jährigen Stadtjubiläum Magdeburgs. Und weswegen baut man in ein Hundertwasserhaus ein Hotel? Da es wie oben bereits erwähnt wenig Quellen über Äußerungen von Hundertwasser zu diesem Projekt gibt, stellt sich mir hier die Frage: Haben die uns schon bekannten verwirklichten Projekte nicht alle einen sozialen Charakter? Also wozu baut dann das ‚Betreiberkonsortium’ ein Hotel in die „Grüne Zitadelle“ und versucht so, einen kleinen Betrag der Baukosten wieder an Land zu holen. Den Bau eines Kindergarten und der Mietswohnungen kann ich nachvollziehen, die horrenden Quadratmeterpreise der Kaltmiete zum Mietsangebot einer der nur 55 Wohnungen bestätig jedoch wieder meine Hypothese der Profitgier der ‚Betreiber’. Zwischen 8,50 € und 9,30 € soll der m2 Preis der Kaltmiete kosten, die Nebenkosten belaufen sich auf 3 € pro m2. Welcher Magdeburger kann sich bitte schön eine 55 m2 Wohnung zum Mietspreis von rund 600 € leisten? Nur 11 der 55 Wohnungen haben bereits einen Mieter gefunden. Der Reiz eine Wohnung in der „Grünen Zitadelle“ zu mieten, wird leider von den hohen Preisen schnell wieder vernichtet. Das Hotel scheint dagegen ausgebucht zu sein (siehe Magdeburger Wochenendblatt vom 04.06.2005), was darauf zurückführen lässt, dass doch reges Interesse an dem Hundertwasserbau besteht. Als Anziehungspunkt wird die Zitadelle wohl ihre Wirkung nicht verfehlen. Schon jetzt kann man kleine Grüppchen um die Baustelle beobachten, und es werden mehr werden.
Der Stadt Magdeburg wird mit der Verwirklichung der „Grünen Zitadelle“ einen Touristenattraktion mehr geschaffen. Der Besuch auf dem Domplatz lässt sich nun mit einem Kreuzgang im Dom und einem Einblick in die Zitadelle verbinden, eine Tasse Kaffee und das dazu passende Stück Kuchen wird dann den Besuch dann in einem der umliegenden Cafes abrunden.
Aber auch diesen Touristenströmen wird nach einem anfänglichen Hoch das Tief der Ernüchterung folgen. Gesättigte und müde Augen der zahlreichen Touristen werden die Besucherzahlen immer weiter drücken, der anfängliche Reiz des Neuen ist somit verflogen. Magdeburg wird für einige Zeit in den Print- und TVmedien erwähnt werden, der Anlass des 1200 jährigen Jubiläum lässt diese Eröffnung jedoch etwas in den Hintergrund verschwinden. Zu viele Anlässe wird und soll es in dieser zeit geben.
Angaben zur Literatur:
Die geschichtlichen Abläufe und die dazu gehörigen Jahreszahlen, sowie Abbildungen sind in dem Jubiläumsband „1200 Jahre Magdeburg. Die Jahre 1631 bis 1848“ von Helmut Asmus zu finden und nach zu lesen. Alle anderen in diesem Beitrag hervorgebrachten Zusammenhänge und das damit in Verbindung stehende Material ist der Broschüre aus dem Hundertwasser Shop auf dem Breiten Weg, gegenüber der Grünen Zitadelle, in 39104 Magdeburg entnommen. Die Definition des Begriffs Zitadelle entstammt aus dem Lexikonband „Der Grosse Coron. Band 20: Voll – Z. Coron Verlag, Lachen am Zürichsee 1992, Seite 428.“


Sehr lehrreich und interessant, damit werden wir unserem “Bildungsanspruch” definitiv gerecht. Vielleicht kann man für die Druckausgabe doch noch ein bißchen was kürzen und die ( zum Großteil Flüchtigkeits-) Fehler ausmerzen.
Ich muss in Kunst ein Referat über die architektonische Sonderheit von Hunderwasser halten. Ich bräuchte dazu den Grundriss und jede Menge Information über Raumaufteilung, Lichtverherhältnisse, Materialbeschaffenheit ect. Könnten Sie mir darüber etwas zumailen?! Danke Nora
ich wollte nur sagen das die seite zimlisch lang ist einbisschen kürzer wäre es besser
also fürs näkstemal merken kürzer musst nicht danken :D