
Die Eröffnung eines Figurformungszentrums in Magdeburg mit dem wunderbaren Slogan ‚design your body’ ist Anlass der Auseinandersetzung mit dem Körper als zu bearbeitender Dauerbaustelle. Nun ist festzustellen, dass der Fleischberg, den wir Körper nennen, neuerdings auch in soziologischem Kontext intensiv debattiert wird. Lange Zeit galt er als etwas biologisch Gegebenes und niemand wäre auch nur auf den Gedanken gekommen, ihn unter soziologischen Gesichtspunkten zu verhandeln.
“Ha, weit gefehlt!”, ruft uns da der gemeine Soziologe entgegen. Stellen wir uns einen zerzausten Unausgeschlafenen vor, jener welcher wohl in irgendeiner Großstadt in den letzten Nischen des verrauchten Milieus an einer Tasse schwarzen Kaffees nippt.
„Die Körperdebatte ist mir durchaus nicht fremd, obschon sie vor noch nicht allzu langer Zeit in soziologischen Kreisen schlichtweg nicht verhandelt wurde…“.
Nun, das erwähnte ich bereits.
Dies änderte sich nun jedoch mit der Annahme, der Körper sei Produkt kultureller Formung und unterläge historischen Entwicklungen. Ausgangspunkt seien hier die jeweiligen gesellschaftlichen Strukturen, nach denen sich der Umgang mit dem Körper richte.
“Da haben Sie mal einen feinen Gedanken!”.
Vielen Dank, Herr… wie darf ich Sie eigentlich nennen? Da Sie sich hier schon ungefragt einmischen?
„Möbius!“
Herr Möbius, aber der Gedanke der kulturellen Formung des Körpers stammt gar nicht von mir – natürlich nicht. Den hat u. a. der Franzose Pierre Bourdieu zu verantworten, aber das wissen Sie ja sicherlich. Nach ihm ist der Körper Speicher einer Geschichte – Instrument, Schauplatz und außerdem Kapital. Durch den gezielten Einsatz des eigenen Fleisches könnten soziale Gewinne erzielt werden. Persönliche Rendite lässt sich dann einfahren, wenn handwerkliches, sportliches, stimmliches oder Bewegungstalent vorzuweisen sind. Auch Gesundheit und vor allem gutes Aussehen rangieren auf der Körper-Kapital-Skala ganz weit oben.
„Richtig, richtig! Bourdieu unterstrich, dass sich materieller oder immaterieller Erfolg in Form von sozialer Anerkennung und Ansehen relativ schnell durch bestimmte Investitionen am eigenen Körper erreichen lassen. Dies gilt für den Arbeits- oder auch den Beziehungsmarkt. Die Kontrolle des eigenen Körpers, die Zurichtung auf ein ideales Maß – das verspricht Erfolg im Beruf und Spaß in der Freizeit. Und an dieser Stelle greifen nun Ihre Fitnesscenter, oder um was es Ihnen hier auch immer gehen mag“.
Ähm, ja vielen Dank Herr, ähm, Möbius. Das ist wirklich sehr freundlich. Na, wo war ich? Körper – Anerkennung – gutes Aussehen… ach ja richtig. Ich find es ja unheimlich wichtig zu unterstreichen, dass das, was Menschen in den jeweiligen Epochen der Geschichte für gutes Aussehen hielten, variierte. So galt zum Beispiel ein durch ein Korsett geformter Frauenkörper einst als äußerst erstrebenswert.
„Wichtig ist nur zu wissen, was gerade en vogue ist auf dem sich ständig entwickelnden Körper-Formungs-Markt.“
Das ist ja nun nicht das Problem, Herr M.! Dank massenmedialer Präsenz des Körpers, bzw. seinem Ideal ist dies ein Leichtes. Im Fernsehen, in Zeitschriften, überall wird der schlanke, muskulöse, bewegliche Körper als ästhetisch und erotisch inszeniert und zelebriert. Die eigene Unzulänglichkeit wird in Form von Werbeplakaten täglich neu vor Augen geführt.
„In der Gesellschaft kursieren Ideen, Wertvorstellungen und Weltbilder, welche die Sicht auf den eigenen und den Körper der anderen prägen. Es gibt somit keine natürliche Auffassung vom und Einstellung zum Körper. Jene Phänomene, welche von der Allgemeinheit als dem Wesen des Menschen ‘natürlich’ zugehörig betrachtet werden, werden als durch kulturelle Prozesse hervorgebracht gesehen. Es handelt sich hier nicht um biologische Gegebenheiten, sondern um soziale Praktiken. Willkürliche Grenzen werden als legitim und natürlich anerkannt und eben nicht als willkürlich gesehen, so zum Beispiel die Geschlechtsrollen.“
Das klingt mir viel zu theoretisch und lebensfern. Was heißt das konkret für den Alltag der Menschen, Herr Möbius? Erklär’n se mal!
„Das kann doch so schwer nicht zu verstehen sein! Der eigene Köper wird zunehmend zum Gegenstand der Gestaltung. Das Schönheitsdiktat zum elementaren Teil des Selbst – der eigenen Identität. Der junge, attraktive Körper wird zum Objekt der Anbetung, das Fitnesscenter zur Kathedrale der Postmoderne. Menschen können durch ihr äußeres Erscheinungsbild ihrer Individualität Ausdruck verleihen.“
Ja, gut. Ich hab’s ja nun verstanden! Was aber noch hinzukommt, ist ein ganzer Industriezweig, der von der Kommerzialisierung des Körpers lebt – Kosmetika, Schlank- und Fitmachangebote, Fett-weg-Programme. Mit einer Vielzahl an Produkten wurde und wird Frauen – und in zunehmendem Maße auch Männern – suggeriert, ständig an ihrem Äußeren arbeiten zu müssen. Und in eben jenen Figurformungszentren kann der eigene Körper von diversen Maschinen bearbeitet werden. Schweiß muss ordentlich fließen, das Blut gut zirkulieren, dann wird das Fett besser abtransportiert – an den Problemzonen. Ja, wer hat denn hier eigentlich Problemzonen, Herr Möbius?
“Ja ganz recht. Allein die Begrifflichkeit müsste schon zu denken geben. Aber die Hauptproblemzone ist eben der Kopf und der ist regelrecht vergiftet von massenmedialer Präsenz irgendwelcher Körperideale.”
Na, jetzt sprechen wir eine Sprache! Die eigene Körperform ist selbst verantwortet, so ist doch die allgemeine Vorstellung. In der Zähmung des störrischen Fleisches soll sich der Mensch als diszipliniert und erfolgreich im Umgang mit sich selbst zeigen.
„Stichwort: selbstzerstörerische Dressur des Fleisches.“
Danke, Herr M.! sagte ich das nicht ganz ähnlich? …
„Ach und eins noch. Ich würde mal behaupten, dass wir in einer Inszenierungsgesellschaft leben… aber ich hab jetzt keine Zeit mehr Ihnen das auch noch plastisch zu machen!“
Ja, wo wollen Sie denn hin, Herr Möbius?
“Die Lebensabschnittsgefährtin aus dem Fitnessstudio abholen“.
Naja, dann.
Foto von procsilas auf Flickr


“Brigitte Nielsen denkt nicht nach, sie macht es einfach. Drei Wochen lang war sie die bekannteste, wenn auch umstrittenste Baustelle Deutschlands und trainierte sonntagabendlich den Würgreflex der RTL-Zuschauer. Die Kamera war immer dabei: beim Fettabsaugen und Silikoneinlegen. Jetzt sind die Abrissarbeiten an der Baracke Nielsen abgeschlossen – alles sitzt, wackelt und hat Luft. Gestern feierte das dänische Ex-Topmodel in der letzten Folge der Doku-Soap “Aus alt mach neu – Brigitte Nielsen in der Beauty-Klinik” ihren 30. Geburtstag. Willkommen im Gruselkabinett der Eitelkeiten.
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66.000 Euro und eine Menge Blut, Fett und Tränen hat sie die plastische Grunderneuerung gekostet, die die Ex von Sylvester Stallone in mehreren Schritten über sich ergehen ließ. Neue Beine, strammer Hintern, Facelift, neue Silikonimplantate und Zähne – Rambolina ist nicht zimperlich, wenn es heißt, gegen den eigenen Körper zu kämpfen.”
http://www.stern.de/lifestyle/leute/:Brigitte-Nielsen-Ende-Sanierungsarbeiten/632431.html