Howard Rheingold hat Herbst 2002 ein Buch über das soziale und politische Potenzial gegenwärtiger Technologie und deren zukünftige Weiterentwicklung herausgebracht: Smart Mobs – The Next Social Revolution. Er sieht, wie der Computer im Begriff ist, sowohl wesentlich mobiler zu werden und dennoch vernetzt zu bleiben, und elaboriert darüber, was das für die Gesellschaft im Allgemeinen und politischer Teilhabe im Speziellen bedeutet. Das hat er erstmal beispielhaft an der Rolle von tragbaren Handtelefonen (lies: Handys) und SMS festgemacht, welche im Prinzip auf der ganzen Welt verbreitet sind und im Buch stellvertretend in den skandinavischen Ländern und im asiatischen Raum verstärkt durch die Jugend pioniert werden.
Über soziologisch interessantes Teenagergebaren hinaus können diese Geräte aufgrund ihrer großen Verbreitung aber eben auch ein mächtiges oder besser: bemächtigendes (engl.: empowering) Werkzeug sein, um politische Teilhabe einzufordern. So kann die Mobilisierung für Demonstrationen mithilfe weitergeleiteter SMS mit sehr geringem Aufwand sehr große Konsequenzen tragen, was Rheingold mit den großen Kundgebungen in Manila 2001 erläutert, die den Sturz des unter Korruptionsverdacht geratenen Präsidenten der Philippinen mit einer kurzen SMS eingeleitet haben: „Go 2EDSA, Wear blck.“
Es folgt ein kleiner Abstecher in die Erforschung menschlicher (und tierischer) Kooperation und inwiefern, Smart Mob Technologien dabei helfen können, ein kooperatives Klima zu schaffen. So spinnt Rheingold die Idee von smarter Kleidung, ubiquitous Computing und computergestützten Reputationssystemen ein wenig weiter, und wirft Fragen auf, inwiefern intelligente, vernetzte Geräte uns dabei behilflich sein können, uns in einer scheinbar komplexer werdenden Umgebung zu recht zu finden. Diese Orientierungsfunktion wird in Zukunft womöglich viel weiter gehen als akustische Richtungsanweisungen des Boardcomputers im Auto an den Fahrer. So könnten z.B. auch gruppendynamische Fragestellungen durch zukünftige Technologie viel weiter beeinflusst/unterstützt werden, als mensch sich das heute vorstellt.
Rheingold stellt die Verwendung von Bewertungsprofilen im Alltag vor, wie es sie z.B. bereits bei eBay gibt, mithilfe deren potenzielles Vertrauen zwischen Menschen organisiert werden kann. So könnten ständig anwesende Helfer (lies: Pervasive Computing) mir anhand von Reputationsdaten anderer Anwesenden an einem Ort vorschlagen, wem ich vertrauen kann oder ob ich gar völlig fehl am Platz bin, falls die hinterlegten Profile und Bewertungen nicht mit meinen korrelieren sollten. Spätestens hier wird dann auch offensichtlich, dass Smart Mob Technologien nicht nur zum Wohle der Menschen sondern eben auch gegen sie verwendet werden können, würden diese persönlichen Informationen gewissen Institutionen zur Verfügung stehen.
Howard Rheingold hat mir mit dem Buch ein wenig die Augen darüber geöffnet, wieviel Gerät progressiven Potenzials bereits in den Händen der Menschen schlummert. Sicherlich hat die Verwendung heutiger Handys wenig mit dem Einsatz vollwertiger Computer gemeinsam, allerdings nähern sich beide auf technischer Ebene zunehmend an.
Und eben diese Annäherung, wie sie von Rheingold und anderen beobachtet wird, bringt wesentliche Veränderungen für den (öffentlichen) Raum und, wie sich Menschen darin verhalten, mit sich. Die ständige, allgegenwärtige Verfügbarkeit eines Uplinks ans Netz wird weitreichende Implikationen haben, von denen einige in diesem Buch angeschnitten werden. Ich fand es erstmal ganz angenehm, dass nicht die Bedenken sondern eher die Potenziale dieser Technologien im Mittelpunkt des Buches stehen. Inwiefern wir, die Menschen, uns der Möglichkeiten bemächtigen, gilt es nicht abzuwarten sondern zu gestalten. Die Antworten auf diese, sicher drängenden, Fragen können nicht Intellektuelle für die Gesellschaft beantworten – sie können nur die Optionen aufzeigen. So folgen die kritischeren Gedanken dann im letzten Kapitel: Always-On Panopticon … or Cooperation Amplifier. Hier werden die beiden möglichen Richtungen gegenübergestellt, zwischen denen es zu entscheiden gilt.
Bislang liegt noch keine deutsche Übersetzung für das Buch vor, obwohl es langsam an der Zeit wäre. Es beschreibt sehr gekonnt den technologischen Zeitgeist und die Visionen für eine zukünftige Gesellschaft geprägt von Teilhabe und Kooperation. Der populär-wissenschaftliche Charakter des Buches sorgt für ein entspanntes Lesevergnügen.
Zum Buch gibt es eine aktive Webseite (lies: Blog), auf der die vom Buch vorgestellten Konzepte und Visionen immer wieder mit aktuellem Bezug aufgegriffen werden. So werden die im Buch vorgestellten Entwicklungen greifbarer und bekommen eine breitere Realitätsbasis.


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