
Wer einmal umgezogen ist, kennt das Phänomen. Es hat sich mit der Zeit einiges zusammengetragen. In Schubläden, Schränken und Kisten. Auf Ablage, Tisch und Fensterbrett. Es sind Dinge, die einst nützlich, interessant oder bedeutend waren, aber mit der Zeit wurde aus der Ansammlung von Unikaten eine Dinghalde. Wie sie da so liegen, sich in den Vierwänden zusammenrotten, verlieren die Dinge langsam aber sicher die frühere Wertschätzung und werden zu bedrückendem Ballast.
Was ist ein Buch wert, an dessen Inhalt mensch sich kaum erinnert, das zwischen all den anderen Ziegeln aus Papier versauert und darauf wartet, wieder oder überhaupt gelesen zu werden? Was wird aus Klamotten vergangener Jahre, die nicht mehr getragen werden, aber an denen Erinnerungen hängen? Was nützt dir die Zeitschriftensammlung, die du eifrig geordnet aufgehoben, aber doch nur zum geringen Teil gelesen hast, weil so oft eine unberührte Ausgabe der nächsten folgte, und du bei Informationsbedarf ohnehin eher das Netz bemühst? Was bringt dir das Küchengerät, womit du deine einstige Lieblingsspeise so hervorragend zubereiten kannst, dass sie dir nun nach x-maligen Verzehr zum Halse raushängt? Warum messen wir gewissen Dingen nur beim Umräumen oder Ausziehen Bedeutung und Wert bei?
Dinge sind ein wenig wie Erinnerungen. Je länger ein Mensch lebt, desto mehr sammeln sie sich an; in den Schubladen und Schränken unserer Wohnungen (oder Köpfe). Aber das Gedächtnis eines Menschen beherrscht neben des Erinnerns die wertvolle Fähigkeit, Erinnerungen loszulassen. Weil wir vergessen, können wir einerseits mit schlechten Erlebnissen der Vergangenheit umgehen und andererseits in der Gegenwart handeln. Während unser Gedächtnis unterbewusst die Auswahl für uns trifft, belagern uns die materiellen Dinge der Vergangenheit in der Gegenwart. Sie belagern nicht nur unsere Wohnstätte, sondern bereiten uns ein schlechtes Gewissen, wenn es Zeit wird zu scheiden. Sie lähmen uns, in die Zukunft zu schreiten.

Der Futurist Bruce Sterling erdenkt sich Objekte, deren Geschichte, Verwendung und aktueller Ort über Technologien wie RFID und GPS nachvollziehbar machen. Sie würden es möglich machen, eine Art Suchanfrage an den Haushalt zu stellen, „zeig mir alle Dinge, die ich über ein Jahr nicht mehr verwendet habe.“ Eine sicherlich etwas einfachere, aber ebenso effektive Methode ist das Kistensystem. Statt bei Einzug in eine neue Wohnung alle Umzugskartons sofort auszupacken, könnten jene Kisten die über ein Jahr lang nicht geöffnet wurden, sofort ausrangiert werden. Natürlich wäre sicherheitshalber ein prüfender Blick notwendig. Aber genau bei dieser Überprüfung kommt das schlechte Gewissen längst vergangener Wertschätzung geballt zur Geltung, und die Dinge versuchen ihre Besitzer in Besitz zu nehmen. Was unser Kopf oft zurecht vergessen hätte, lagert, lungert und schlummert um uns herum und wartet auf den Tag der Wiederentdeckung. Der Versuch, sich von angesammelten Dingen zu trennen, wird zum Kampf.
Wie können wir uns aber von Dingen lösen, ohne auf ihre Nützlichkeit zu verzichten? Dinge machen uns immerhin auch das Leben leichter, angenehmer und interessanter. Dawn Danby von WorldChanging plädiert für Produkt-Dienst-Szenarios, die die Verwendung von Dingen statt deren Besitz vorsehen. Sie verweist auf die Bohrmaschine, die nur 20 Minuten in ihrer gesamten Lebensdauer zum Bohren kommt [1]. Wie kann es sein, dass wir einem Gerät so viel Raum (und Geld) zustehen, das letztendlich nur dazu da ist, ab und zu ein Loch in die Wand zu machen? Ein Großteil der Werkzeuge, Gegenstände und Geräte liegen oder stehen ungenutzt rum. Haushalte verfügen zusammengenommen über eine enorme Anzahl redundanter Geräte wie zum Beispiel Waschmaschinen und Staubsauger, die zum großen Teil ihres Dinglebens verkümmern. Warum brauchen wir alle unsere eigenen Bohrmaschinen, Hämmer und Wasserwaagen? Warum gibt es dafür keine Werkzeugbibliothek um die Ecke?

Es ist keine neue Idee, nützliche Dinge miteinander zu teilen. Das sicherlich prominenteste und erfolgreichste Beispiel ist das Buch. In Bibliotheken erfahren tausende von Büchern, wonach die vereinsamten Geschwister in unseren privaten Regalen nur von träumen können. Sicher verleihen wir auch das ein oder andere, aber auf alle Bücher bezogen ist es die Seltenheit. Bibliotheksbücher allerdings werden von vielen Menschen gelesen und letztendlich auch getragen. Niemand könnte sich eine so breite Vielfalt alleine leisten. Mag sein, dass die Auswahl nicht immer die ist, die mensch sich selbst wünschen würde, aber das lässt sich ändern. Bibliotheken nehmen Leserwünsche entgegen und werden sich in Zukunft auch mehr nach ihren LeserInnen richten [2].
Die Vielfalt, die eine Bücherbibliothek für ihre Leser bereitstellt, kann auf andere Bereiche wie Werkzeuge oder Haushaltsgeräte übertragen werden. Alleine kann und will ich mir nur eine geringe Auswahl von Werkzeugen und Geräten leisten. Was soll ich mit einem Wok, den ich nur einmal in 3 Monaten bemühe? Was bringt mir eine Stichsäge, die ich womöglich nur einmal im Jahr benötige? Wenn sich aber mehrere Menschen Anschaffung, Pflege und Verwendung von nützlichen Dinge teilen würden, könnte eine Dingbibliothek von wesentlich größerer Vielfalt und höherer Qualität entstehen. Diese Dinge müssen schon höherwertig sein, weil sie tatsächlich eingesetzt werden.

Im Mobilitätsmetier zum Beispiel hat sich diese Idee bereits etabliert. In vielen Großstädten gibt es Carsharing-Gemeinschaften [3], in denen sich Menschen zusammenschließen, die auf das Auto als Fortbewegungsmittel nicht gänzlich verzichten wollen, aber es auch nicht täglich benötigen. Während die Teilnehmer sich die Kosten für Anschaffung und Wartung teilen, stehen ihnen die Autos auf öffentlichen Parkplätzen fahrbereit zur Verfügung. Aber auch für Fahrradliebhaber hält das Prinzip des Teilens einige Annehmlichkeiten bereit. Ist das Fahrrad gerade kaputt, muss es nicht Wochen lang als Ausrede für motorisierte Fortbewegung herhalten. Für die Reparatur von Fahrrädern sind Selbsthilfewerkstätten eine tolle Sache, um Rat und Hilfe auszutauschen und sich Räumlichkeiten und Werkzeuge zu teilen.
Für viele Dinge wäre allerdings die Infrastruktur einer Bibliothek zu aufwändig. Klamotten, Geschirr oder andere Alltagsgegenstände, die längerfristig von einer Person oder in einem Haushalt eingesetzt werden, bedürfen keiner Leihstruktur und könnten auch unproblematisch Besitzer wechseln. Dafür stellen Umsonstläden [4] eine äußerst charmante Institution dar. Sie unterwandern den Warenfetisch und tragen progressiv zur Entknappung bei. So kann Dingbedürfnissen jenseits von Marktmechanismen nachgegangen werden – wenn die Dinge denn im Laden gerade verfügbar sind. Gerade bei Umzügen und Haushaltsauflösungen treten große Mengen von Dinge zu Tage, deren allgemeiner Gebrauchswert ungebrochen ist. Hier stellt der Umsonstladen eine geeignete Anlaufstelle dar, um unbürokratisch Dinge in den Kreislauf einer sich entwickelnden Gratisökonomie zu führen oder bei Haushaltsgründung darauf zuzugreifen. Der Magdeburger Umsonstladen Lirumlarum öffnet zweimal in der Woche (Montag- und Freitagnachmittag) seine Türen zur praktischen Gratisökonomie [5] und freut sich sowohl über Geber als auch Nehmer.
Ist der Mensch zur Emanzipation von den Dingen bereit, öffnen sich völlig neue Perspektiven. Lasst aus Dinghalden Umsonstläden und Dingbibliotheken werden!
Nachtrag: Alex Steffen (auch von WorldChanging) spricht in der Radiosendng Spark der CBC auch über den Trend weg von Besitz zur Benutzung von Dingen [6].
Links:
[1] Product-Service Scenarios for the Bright Green City (WorldChanging)
[2] Bibliothek 2.0 (Wikipedia)
[3] Carsharing (Wikipedia)
[4] Umsonstladen (Wikipedia)
[5] Umsonstladen »Lirumlarum« Magdeburg
[6] Volles Interview mit Alex Steffen auf CBC Spark (englisch)
Fotos von:
- HolyHolySnappers: Foto 1 und Foto 2 (Flickr)
- glynnish (Flickr)
- youngrobv (Flickr)
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In der SZ vom 22.07.2008 steht zu diesem Thema ein toller Artikel, der sich mit der Konsumgier und der Krankheit der Kaufsucht beschäftigt. Man muss die Konsumsucht und Kaufsucht als eine Krankheit unserer Zeit begreifen, die wir selbst geschaffen haben, so der Artikel, weil Ware heute immer und überall verfügbar sei, ob bargeldlos oder auf Pup. Ware habe in unserer Gesellschaft einen ‘absurden Symbolwert’ erlangt, dem viele Menschen hoffnungslos verfallen seien.
Mehr zum Artikel in: Konsumieren, bis es weh tut