Die Totengräber

Es ist nun zwar schon wieder den einen oder anderen Monat her, als sich mir als passioniertem „Volksstimme“-Leser ein Diskurs aufdrängte, der schließlich auch mein Herz berührte. Es wurde immerfort von fiesen Verbrechen berichtet, die eigentlich niemanden kalt lassen können.Es ging um scheinbar geistig und körperlich unausgelastete Jugendliche, welche mit ungebremstem kriminellen Tatendrang versuchen unsere Heimatstadt in den kulturellen und vor allem wirtschaftlichen Bankrott zu drängen. Es ging um nicht weniger als die optische Vergewaltigung von Wohn- und Geschäftseigentum. Die „Volksstimme“ tat das einzig Richtige und tat sich als Anwalt der Opfer hervor und sie tat es mit einer gehörigen Portion Nachdruck. Ihre Redakteure erörterten bemerkenswert, welche hohen wirtschaftlichen Schäden diese Schandtaten für unsere Landeshauptstadt bedeuten. Jeder Mitbürger weiß, wenn es um die Wirtschaft geht, dann hört bei uns der Spaß auf. Daher dulden wir es nicht, wenn jemand versucht, ihr mutwillig die oftmals beschworene Vorfahrt zu nehmen.
Aus diesem Grund startete der journalistische Marktführer und moralische Speerspitze unserer Region eine Kampagne für deutlich härtere Strafen für jene Rabauken. Das Volk ist zu großen Teilen der gleichen Meinung wie ihre Meinungsmacher und so stimmte es mit in den Ruf ein. Einige Bürger taten sich besonders hervor und förderten eigene Vorschläge aus ihren grauen Zellen hervor. Ein ganz außergewöhnlicher war beispielsweise das generelle Verkaufsverbot von Spraydosen in Baumärkten. Ganz richtig, es muss endlich ein Ruck durch Deutschland gehen, und die Bürger müssen verstehen, dass Farbe in Spraydosen eine Waffe ist und hinter Panzerglas oder höchstens in die Hände von Sicherheitskräften gehört.
Aber mal ganz ehrlich, was diese Diskussion letzten Endes leistete, war nicht weniger als eine Lehrstunde zum Thema Zivilgesellschaft. Seit langer Zeit schon wird sie totgesagt, totgeschrieben und beweint, doch die „Volksstimme“ feierte ihre wundersame Wiederauferstehung. Graffiti, das wurde schnell erkannt, ist ein gesamtgesellschaftliches Problem und als solches bedarf es auch entsprechend dimensionierter Gegenmaßnahmen. Es dauerte also nicht lang, bis das Sprachorgan der Magdeburger vom ersten Schulterschluß künden konnte. Der erste Impuls kam nicht überraschend von Unternehmern. Angeführt vom Stadtmarketingverein Pro Magdeburg wurde ein Maßnahmen-Programm gegen illegale Schmierereien erarbeitet und vereinbart. Beteiligt haben sich anfangs Vereine, die IG Innenstadt, die Taxi-Genossenschaft, die MVB und andere private Unternehmen, darunter sowohl Hauseigentümer als auch Sicherheitsfirmen. Sie waren fest entschlossen, gemeinsam eine Art Unternehmerwehr zu bilden. Das Herzstück dieser schlagkräftigen Truppe sollten Bewachungsunternehmen, MVB und die Taxi-Innung einnehmen.
Sie erklärten sich bereit ihre gewerblich-betriebenen nächtlichen Streifzüge durch unsere Heimatstadt zu nutzen um gleichzeitig in den Straßen von Magdeburg zu patrouillieren. Diese Hilfssheriffs sollten im Falle einer Feindsichtung natürlich nicht auf die Jagd nach den Gangstern gehen, sondern lediglich die regulären Ordnungskräfte alarmieren. Desweiteren wurde in der Agenda vereinbart, dass illegale Graffiti möglichst schnell beseitigt werden und die Übeltäter sowohl straf- als auch zivilrechtlich zur Verantwortung gezogen werden sollen. Selbstverständlich sollte auch die Werbung für dieses einzigartige Projekt nicht zu kurz kommen und die potentiellen jugendlichen Täter schon vorab über die möglichen Konsequenzen aufgeklärt werden. Getreu der Erfahrung aus fünf Jahrzehnten Kaltem Krieg war man von der Wirkung von Abschreckung überzeugt.
Von einem zweitem Beispiel für die möglichen Selbstheilungskräfte unserer Gesellschaft konnte die „Volksstimme“ bereits zwei Monate später künden. Der Vorsitzende des Vereins „Haus&Grund“ hatte die blendende Idee, einen gemeinnützigen Verein zu gründen, der sich zur Aufgabe stellt, den geschundenen Hausbesitzern finanziell unter die Arme zu greifen. Dr. Neumann beschrieb seinen uneigennützigen Plan so: „Der Verein könnte Spenden und finanzielle Hilfe einspielen und dann Privateigentümern helfen“. Ich würde sogar noch ein Stück weiter gehen. Um genügend Geld für dieses selbstlose Projekt zu sammeln, wäre es doch beispielsweise möglich, eine große Spendengala zu veranstalten, welche zeitgleich sowohl auf MDF.1 als auch beim MDR übertragen wird. Was Unicef & Co. können, muss doch auch für gepeinigte Hauseigentümer legitim sein. Ich glaube bei soviel karritativem Engagement und Zivilcourage steht ein heißer Favourit für den Titel „Magdeburger des Jahres“ schon fest.
Niemand muss sich also ängstigen, unsere Gesellschaft ist sehr wohl in der Lage auch unüberwindlich erscheinende Probleme aus eigener Kraft zu lösen. Die Akteure als auch Motive, welche dabei als Triebkraft wirken, können durchaus überraschen. Wer mir jetzt aber immer noch chronisch vom Ableben der Zivilgesellschaft erzählen will, dem verordne ich die tägliche Lektüre der Volksstimme, als Schocktherapie.

1 Antwort zu “Die Totengräber”


  1. 1 michael

    Tja, wenn Graffiti schon die schlimmsten aller aktuellen Probleme wären, sollten sich die “Volksstimme” und die Volksstimme (die ja nur einen kleinen Teil der Stimme des Volkes darstellt, also mindestens exclusive der Graffititeure) mal so richtig freuen… für mich ist bspw. eine McDonald’s-Werbefläche regelmäßig eine erheblich schlimmere Beleidigung des Augapfels und des Geistes als ein halbwegs phantasievoll gestaltetes Graffito. Aber ein Konzern bezahlt ja Geld für den Unsinn, mit dem er die Konsumentenhirne verklebt und ist daher legitimiert zur Verschandelung öffentlichen Straßenlandes… denn er bezahlt ja Gebühren für die Nutzung einer Werbefläche, die wiederum ein anderer käuflich erworben und wiederwiederum ein anderer für Geld auf seinem immobilen Eigentum aufgestellt hat und ebenfalls für Geld dort duldet.
    Dass der Stumpfsinn, der z.T. nachprüfbar gelogen, mindestens jedoch erheblich beschönigt wurde, via einer solche Werbefläche per Luftweg über Eigentumsgrenzen hinweg meinen Anspruch an Wahrhaftigkeit und Ästhetik verletzt, sieht das StGB bisher jedoch nicht vor. Da in der Diskussion über Graffiti aber alleine Bestände wie Sachbeschädigung heran gezogen werden, sitzen hier die bürokratisch Argumentierenden nahezu unangreifbar auf der sicheren Seite (einer Seite, der gerade Grafittikünstler wohl bewusst nicht angehören wollen – immerhin stellt das Anbringen ein strafrechtliches Risiko dar, einen finanziellen Aufwand für Farbe und einen intellektuellen Aufwand für die Gestaltung).
    Anzufügen ist sicher, dass gezielt zwischen Vandalismus und Graffiti unterschieden werden sollte – während in populistischen Informationsmedien häufig beides gleich gesetzt wird, existiert m.M.n. ein erheblicher Unterschied zwischen purer Zerstörungswut, die sich z.B. im Zertrümmern äußert und Graffiti, das ein Ausdruck von Kreativität ist/ sein kann/ sein sollte.
    Davon mal ganz abgesehen, sollte man sich mal klar machen, dass Wandbeschriftungen bereits in jahrtausendealten archäologischen Funden eine Rolle spielten, die Hinz & Kunz, nach Zahlung eines Obulus, hochinteressiert z.B. in Pompeij als Kultugut besichtigen. Merkwürdig… irgendwo.

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