Einfach mal den Mund halten

Einfach mal den Mund halten, einfach mal nicht laut denken, einfach mal tief Luft holen, einfach mal nicht hin hören, ja einfach mal abschalten. Den Schalter umlegen, Vorhang zu, Licht aus. Einfach mal keine Show abliefern, mal niemanden blenden und dabei selbst erblinden. Die Maske abnehmen, sich abschminken immer im Mittelpunkt zu stehen und das auch noch brillant. Lass die Stille doch mal dröhnen und die weißen Wände Bilder malen.

Denn wo soll das denn enden? Mit dem Kopf durch die Wand, dass ist dir wohl bekannt, doch wie soll es weitergehen wenn diese Einbahnstraße zu Ende ist? Welcher Schlagbohrer hilft dann noch um weiter zu kommen, bist doch viel zu verbohrt, um klar denken zu können.

Also mach mal die Augen auf, wende sie ab vom Spiegel hinaus auf deine Umgebung, siehst du da jemanden? Nanu niemand da, wie kann das sein, wo sind denn all die Menschen hin?
Du hast wohl einmal zu oft von dir gesprochen, einmal zu wenig hingehört. Hast aufgehört dich umzusehen, dich umzudrehen. Bist einfach weiter gegangen, Schritt für Schritt ohne Blick zurück, narzisstisch und hybrid hast du geglaubt du kannst alles schaffen.

Und dann bist du gestolpert, bist hingefallen und deine Knie waren blutig, aufgeschlagen und wund, doch dich hat das nicht gestört, bist allein wieder auf die Beine gekommen und weiter gerade aus ohne Rücksicht auf Verluste, denn wer nicht wagt der nicht gewinnt. Der Einsatz ist groß, der Gewinn noch größer. Doch nun stehst du da, am Ende, ohne Begleitung und aus Lautsprechern schallt es: Game over!
Trotz Dunkelheit verkleinern sich deine Pupillen, die großen Augen und die wachen Blicke schwinden, machen angestrengtem Starren Platz.
Vermehrter Speichel strömt in deinen Mund, die Geschmacksdrüsen ziehen sich zusammen und die Bitterkeit hält Einzug. Du beißt dir auf die Lippen bis es weh tut, nur um überhaupt etwas zu spüren.

Was ist da in dir, das dich so böse und kalt gemacht hat?
Was zerrt da an dir, verzerrt dich und den klaren Blick auf die Dinge?
Die Personen haben sich in Marionetten verwandelt und ihre Gesichter werden zu Grimassen. Neben und zwischen all diesen Menschen stehst nun du und fühlst dich allein.
Weil sie die Puppen sind oder weil vielleicht du derjenige bist, der verkrampft Grimassen zieht?

Du hast die Fäden nicht mehr in der Hand und fragst dich und die Anderen, wer einfach ungefragt die Spielregeln geändert hat, ohne dich aufzuklären? Wer kann das erklären?
Es lief doch alles bestens, nach Plan, denn du hattest das Spiel schließlich erfunden, hast beschlossen die aufgestellten Regeln zu befolgen, konsequent ohne Wenn und Aber, denn was sein muss muss sein. Du hast immer hoch gepokert, alles gesetzt und bis heute auch nie verloren, zumindest nicht die Fassung. Es war nicht immer einfach und die Methoden fast nie fair, aber wer hat denn behauptet dieses Spiel sei nett und höflich?
Du machst schon lange niemanden mehr etwas vor, höchstens noch dir selbst. Du hast dein Spiel geliebt und die Marionetten sollten für dich tanzen im Takte deiner Musik. Du hast Lachen gemalt wenn du traurig und Tränen wenn du unbeachtet warst. Aber es war nicht einfach nur ein Spiel für dich, du hast es gelebt und nun hier zwischen all diesen doch so bekannten Puppen, in dem vertrauten Spiel stehst du nun in der Dunkelheit und realisierst, dass andere am Zug sind.
Ja was ist denn passiert? Wer hat denn einfach diesen Schalter umgelegt?
Du stehst jetzt am Spielfeldrand und beobachtest wie deine Figuren alleine spielen. Ein fremdes Spiel mit unbekannten Regeln. Entgeistert musst du feststellen, dass auch du an den Fäden hängst, wankst und nach Atem ringst.
Die Bitterkeit hat sich nun vollends im ganzen Körper verteilt, denn du merkst, dass auch dieses Spiel nicht nett und fair ist. In der Dunkelheit siehst du zum ersten Mal klar, siehst den Schmerz den du früher so selbstverständlich verursacht hast, aber noch niemals spüren musstest. Bis heute, bis zu diesem neuen Spiel.
Und nun sag mir wohin du willst? Kannst kaum gerade laufen, fällst alle drei Meter hin, verhedderst dich in den Fäden und kennst die Regeln nicht.
Wie wäre es denn jetzt mit Vorhang zu, Licht aus?

Musste es denn wirklich erst so weit kommen, musstest du erst so tief fallen, um den Abgrund zu kennen? Du standest doch immer daneben, hättest ihn sehen müssen. Die Schlucht war doch so groß, hast du denn dein Echo nicht gehört, wenn du wieder mal von dir gesprochen hast oder dachtest du es wären die bewundernden Rufe anderer?
Ach hättest du doch nur einmal den Mund gehalten und zugehört, vielleicht hättest du dann etwas über dich erfahren, etwas was du dir nicht selbst zurecht gelegt hast, sondern mal der Wahrheit entsprochen hätte.

4 Antworten zu “Einfach mal den Mund halten”


  1. 1 Hendrik

    Keine Panik.
    Nimm diesen Allgemeinplatz:
    Die Wahrheit / das Essentielle liegt doch immer am Boden des Abgrunds. Man kann sich beim Suchen ein Hinunterspringen vormachen, aber dann findet man nur, was man finden will. Wer auch immer einen irgendwann da runterschubst, verfluch das Schwein – aber eigentlich war’s doch genau das Richtige. Mann, ich hör besser auf.

  2. 2 Matilda

    es ist manchmal SCHWER EINFACH den mund zu halten oder den kopf auf standby zu stellen. man glaubt den film beendet aber auch nach dem cut laufen die bilder weiter. wahrheiten findet nur wer nach ihnen sucht. und oftmals sind sie EINFACH nicht bequem.

  3. 3 Kai Hellwig

    Die Wahrheit findet nur der, der sie nicht sucht…

    Macht uns unsre Erfahrung doch zu unterschiedlichen Spielern

  1. 1 Anarchitect
    Trackback am 5. Feb 2006 um 7:04

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