In TV-Diskussionen (hier konkret: Sendung des ‘Nachtcafé’ vom 6. Oktober 2006, SWR) ergibt sich hin und wieder die Situation, dass Teilnehmer sich als Vegetarier oder, der Mehrheit des Publikums wohl erst recht suspekt, als Veganer outen.
Nun bin ich weder Vegetarier noch Veganer. Ich empfinde diese Personenkreise dennoch nicht als meine natürlichen Feinde, sondern kann die Motivation für ihre speziellen Ernährungsweisen durchaus nachvollziehen, etwa bezgl.
-) Tierschutz (nichtartgerechte und Massen-Tierhaltung, Industrialisierung),
-) persönlicher Gesundheit (Förderung von Rheuma, Gicht, Magenkrebs durch übermäßigen Fleischkonsum, Einsatz von Antibiotika & anderen Substanzen in der Tieraufzucht und -mast),
-) wirtschaftsethischer Bedenken (Zufütterung mit Getreide aus ärmsten Nationen),
-) ökologische Bedenken (Überweidung, Überfischung),
-) Weiteres.
Das sind rational nachvollziehbare und überzeugende Motive, deren Bewusstheit durchaus einen fortschrittlichen & nützlichen Charakter trägt und den Bedenkenträger als verantwortungsvoll handelnde Person adelt.
Dieser Eindruck manifestiert sich wohl aber nicht jedem Mitbürger. Wenn um die Wurst diskutiert wird, mutiert so mancher statt dessen mental zum futterängstlichen Hungerhaber. Gerne wird der Vegetarier/Veganer in solchen Runden erst einmal in die Ecke “Spinner” gedrängt, aus der er/sie (hier: Diskussionsteilnehmerin Silke Ruthenberg) sich dann argumentativ befreien muss, will sie nicht als Volldepp dastehen. Im Gegenzug muss sich aber derjenige, der trotz nachprüfbarer Fakten die Zähne oft und gerne in die Erzeugnisse der modernen Tierfleischproduktion schlägt, für sein teilweise schädliches und schändliches Verhalten nicht verteidigen, sondern ist im Schoße des Durchschnitts-Volksempfindens unangreifbar aufgehoben.
Mit einer deutlichen Darstellung der eigenen Position ist dann aber die Freundin der reinen Pflanzenkost noch lange nicht aus dem Schneider, denn als nächstes muss die Fleischverweigerin vom Mainstream mit allerlei Argumenten davon überzeugt werden, dass Fleischkonsum richtig & wichtig ist: “Der Mensch ist, biologisch betrachtet, ein Allesfresser, was sich an seiner Gebissform ablesen lässt. Fleischkonsum ist natürlich, vegetarische Ernährung dagegen unnatürlich”.
Eine geeignete Entgegnung darauf könnte aus meiner Sicht sein, festzustellen, dass ein durchschnittlicher Mann gemäß seiner biologischen Anlagen durchaus in der Lage wäre, 5 Frauen gleichzeitig zu ehelichen oder Nachwuchs mit seinen weiblichen Geschwistern oder seinen direkten Nachkommen zu zeugen. Dennoch werden in kaum einer Volksgruppe dieser Erde solche Praktiken geduldet. Es erscheint also, als hätte die menschliche kulturelle Entwicklung aus bestimmten Gründen im Laufe eines jahrtausendelangen Bewusstwerdungsprozesses ergeben, dass nicht alles, was möglich, auch angemessen und nützlich ist. Eben so könnte sinnvoll sein, nicht alles zu essen, was mensch theoretisch essen kann.
Umgekehrt ist es natürlich nicht natürlich, dass der Mensch in Fluggeräten fliegt, in Häusern aus Beton wohnt oder durch den Einsatz moderner Medizin seine Lebensspanne erheblich verlängert hat, was aber offenbar kaum jemanden davon abhält, diese äußerst unnatürlichen Errungenschaften nicht trotzdem zu nutzen, von der industriellen Tierproduktion ganz zu schweigen. In diesem Falle ist es dem gesunden Volksempfinden also offenbar völlig egal, dass es nicht naturgegeben ist, in Badelatschen von Halle nach Malle zu jetten.
Ein weitverbreitetes, etwas infantil anmutendes Trugbild scheint überdies zu sein, unsere Vorfahren seien praktisch täglich keulenschwingend über gigantische Mammutherden hergefallen und hätten sich fast ausschließlich von Fleisch ernährt. Wie wir jedoch seit geraumer Zeit wissen, hat sich der Urzeitmensch zu einem großen Teil von Pflanzen (Beeren, Pilze, Nüsse, Wurzeln, Früchte, Gräser) ernährt, die er sich mühsam zusammen suchen musste. Für unsere Altvorderen waren längere Hungerperioden durchaus an der Tagesordnung. Beim nächsten Einkauf im Supermarkt dem gemäß das Äquivalent von 10000 Kalorien im Laden stehen zu lassen, täte sicher auch so mancher Wohlstandswampe gut.
Ein anderes, gern gebrauchtes Argument ist: “Fleisch ist zur gesunden Ernährung nötig”. Dies mag in einer kleinen Menge bei gleichzeitiger, ausreichender körperlicher Aktivität möglicherweise zutreffen. Ob nun aber die tägliche Ladung Billig-Massentierhaltungsfleisch aus dem Supermarktregal als Grundlage der gesunden Ernährung einer zum Großteil bewegungsarm arbeitenden Bevölkerung geeignet ist, darf bezweifelt werden.
Mir drängt sich in Diskussionsrunden wie der oben genannten, in denen sich der eben noch gesittete Plebs im Hintergrund durch die Anwesenheit einer einzigen Veganerin im Fernsehstudio offenbar solchermaßen bedroht und um’s tägliche Schnitzel gebracht sah, dass sie aus dem Off auf plump-patschige Art ins Lächerliche gezogen werden musste, der Eindruck auf, als wären dies die selben Menschen, die sich, falls sie einige Jahrhunderte oder sogar nur Jahrzehnte früher gelebt hätten, bei Einforderung von Veränderungen wie Sklavenbefreiung, Abschaffung der Monarchie, Einführung der Demokratie oder des Frauenwahlrechts mit schallendem Gelächter auf die Schenkel geklopft hätten und sich dabei auf die „Natürlichkeit“ der Zustände berufen hätten.


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