Auf Grund eines widrigen Umstands, welcher in engem Zusammenhang mit meinem Studium steht, wähnte ich meinen sich zeitweise wehrenden Körper im Magdeburger Unibibliotheksgebäude – zu Recherchezwecken und anderen ausfüllenden Dingen. Besagter widriger Umstand (von erfahrenen Menschen, welche selbigen schon hinter sich gebracht haben lapidar auch ‚Schreiben einer Diplomarbeit’ genannt) zwingt mich nun zu der einen oder anderen Beobachtung.
Schon in der zweiten Woche, des vor mich hin Sinnierens und in die Gegend Starrens, scheiterte ich kläglich beim Versuch, meinen Geist auf die mir gestellte Aufgabe einer Auseinandersetzung mit der Entstehung von Ödemen im Bereich des großen Zehs festzunageln.
Meine Beobachtungen, der in der Bibliothek vor sich hin denkenden Individuen, erschienen mir nicht minder Wert in den verzweigten Windungen meines Hirns abgelegt zu werden. Gleich neben den wahnwitzigen Gedanken sei noch Platz, so dachte ich mir.
So fühlte ich mich zutiefst gestört durch mehrere Geräusche, ähnlich klingender, doch vorerst nicht zu definierender Art. Eine Geräuschkulisse bohrend-dröhnender Manier schien sich hervorragend zwischen den Bücherregalen auszubreiten. Gerade als ich – in einem wundersamen Moment – kurz davor stand, einen klaren Gedanken zu fassen, wurde ich dessen gewahr, was mir ständig und vorerst unbemerkt von allen Seiten in den Schädel drang… das Geräusch von hämmernden Hackenschuhen. Angesichts jener Erkenntnis überlegte ich kurz, ob ich in lautes Grummeln verfallen sollte, wurde allerdings von den kümmerlichen Resten meiner Vernunft zurückgehalten.
Es schien, als schoben sich dutzende elfengleicher Wesen in spitzbesohltem Schuhwerk durch mein Seh- und Hörfeld, eine Dunstglocke widerwärtigen Geräuschs hinterlassend. Der Schall fand seinen Weg, geschickt an nett drapierten Schallschluckvorrichtungen vorbei bis in meine Gehörgänge. Selbst die Masse der hier aufgereihten Bücher unterschiedlichster Couleur, welche sich den unsichtbaren Wellen mutig in den Weg stellten, versagten kläglich. Ich überlegte kurz, ob Schall eventuell vergleichbar mit einer intelligenten Lebensform sei und somit in der Lage Hindernisse zu analysieren, um sie dann geschickt umgehen zu können. Ich verwarf den Gedanken ebenso schnell, wie er aufgetaucht war, um dann spontan in Phantasien von flauschig-weichen Plüschpantoffeln zu verfallen, welche hier allen gereicht werden. Und in einer, für meinen trägen Körper durchaus unüblichen Geschwindigkeit, stellte sich eine Art Wohnzimmergefühl ein … was wieder weniger untypisch war. Gleich darauf folgte die Überzeugung, solch Schuhwerk fördere den studentischen Zusammenhalt. Sonst ach so verfeindete Professionen fänden eine erste Ebene des miteinander Lebens. Wir alle – eine große Couchfamilie!
For haven’s sake! No! Das ging zu weit. Ich konzentrierte mich wieder auf Wesentlicheres. Hackenschuhe…
Ich begann mich erneut recht unmöglich zu fühlen, angesichts der, den (meist) weiblichen Körper schädigenden, spitzgesichtigen Hacken, welche sich durch alle Poren in meinen Körper bohrten (bildlich gesprochen, natürlich).
Da stakste schon wieder ein Exemplar vorüber und mutete gar ganz entengleich an und war nun überhaupt nicht grazil, elegant und elfengleich. Nun gut, immerhin unternahm sie den Versuch, dem Entendasein zu entkommen. Ich begnügte mich mit diesem Zustand.
Das Schlimmste war, so fand ich, dass ich nicht nur begann sie zu beobachten, sondern jeden ihrer Schritte schon im Vorhinein zu hören. Sie nutzten bevorzugt jene in meiner Nähe befindliche Querverbindung, welche in der Abteilung „Psychologie“ mündet und direkt über meinem Kopf verlief.
Ich wusste um das nächste TOCK. TOCK … TOCK … TOCK. Und mit jedem weiteren TOCK war ich dem Wahnsinn ein Stück näher. Ich zwang mich, Abstand von dem Gedanken einer chronischen Hackenschuhaversion zu nehmen. Schließlich hörte ich erst kürzlich auf einem unserer innerdeutschen TV-Sender, hier besprochenes Schuhwerk wäre elementarer Teil der weiblichen Identität und ich sollte möglichst nicht im Entferntesten daran denken, mich mit inneren Abneigungen zu tragen.
Aber wie sollte ich mir das eigentlich vorstellen – den ganzen Tag mit einem TOCK- Geräusch an den Füssen herumzulaufen? Ich dachte darüber nach eine Art Studie durchzuführen. Vielleicht ließ sich irgendwie nachweisen, dass Wahnsinn, Orientierungslosigkeit oder die Vorliebe für Tennissocken eventuell in direkter räumlicher Nähe zu Hackenschuhgeräuschen gehäuft auftreten. Doch bei genauerer Betrachtung musste auch diese Analyse auf einen späteren Abschnitt meines Lebens verschoben werden. Schließlich musste ich mich anderen Aufgaben stellen. Und da war sie – die Verbindung! Im Endeffekt hatten meine hoch philosophischen Gedanken nun doch gewissen Wert in die Überlegungen zum widrigen Umstand einbezogen zu werden. Schließlich haben elfengleiche Wesen (und dies erneut mit aller Achtung vor dem Menschen gesprochen – trotz der anders anmutenden Formulierung) eine gewisses Gewicht. Wenn jene Wesen nun spitzbesohlt auf anderer Menschen Füßen stehen, hat dies Ödeme zur Folge, welche ihrerseits recht schmerzhaft sind und dringend einer genaueren Betrachtung bedürfen.


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