Oder: Über die Praxisferne der pädagogischen Ausbildung an der Uni (Magdeburg)
„Das Groteskeste, was man als Didaktiker anbieten kann, ist eine Vorlesung über Handlungsorientierung im Unterricht abzuhalten!“.
So oder so ähnlich lautete der Ausspruch eines Dozenten unserer Uni in einer Fachdidaktik–Übung vor ein paar Tagen. Das führt mich dazu, die Zustände der universitären Lehrer-Ausbildung in Magdeburg einmal genauer zu beleuchten. Fast unnötig zu sagen, dass ich selbst Lehramtsstudentin bin. Die Erwartungen an einen Lehrer unserer Zeit sind hoch.
„Die Ausbildung soll für eine spätere berufliche Tätigkeit als Fachlehrer für … (Fach X) im fachwissenschaftlichen, fachdidaktischen und erziehungswissenschaftlich-psychologischen Bereich befähigen.“ Dieses erfährt man auf der Uniwebseite über das Lehramtsstudium. An Kenntnissen sollte man laut dieser „Interesse an der Lehrtätigkeit, d.h. an der Erschließung von Welt-, Sach- und Wissensgebieten, vor allem im (…) Bereich X mit und für andere Menschen insbesondere für Kinder und Jugendliche.“ mitbringen. Das alles sind schöne Worte und erstrebenswerte Ziele, doch wie soll man Lehramtsstudenten zu didaktisch und methodisch versierten Fachlehrern heranziehen, wenn sämtliche fachliche Lehrveranstaltungen, z. B. in Politik, keinen oder nur minimalen Bezug zum Unterricht haben? Es gibt verschiedenerlei Gründe dafür. Als hinderlich wie unpraktikabel empfinde ich, dass die Lehrämter in denselben Veranstaltungen wie die Magisterstudenten sitzen und einfach nur als Ergänzung Pädagogik und Psychologie nebst Fachdidaktik für die beiden Hauptfacher belegen (Also der Lehrumfang mehr als doppelt so groß ist!).
Wollen wir Wissenschaftler oder Lehrer werden? Ich will damit jedoch nicht sagen, dass das eine das andere ausschließen muss, denn ich kann mir ja Vorlesungen über Kants kategorischen Imperativ anhören und sprachwissenschaftliche oder politische Analysen durchführen, was mich auch persönlich weiterbringt, nur weiß ich davon immer noch nicht, wie ich diesen Stoff in den Unterricht transportieren soll und wie ich bestimmtes Wissen an verschiedene Altersstufen und Niveaus anpassen soll. Jetzt könnte man natürlich sagen, dass ja für genau solche Aufgaben und Herausforderungen die Didaktik zuständig sei. Allerdings ist einer der ersten Sätze, die man als Neuling in den Didaktikveranstaltungen hört, meistens folgender: „Also die Didaktik ist nicht dazu da, ihnen eine Handlungsanleitung oder Rezepte für den Unterricht vorzugeben.“ Ja, wozu denn dann?
Erschreckenderweise werden aufgrund der hohen Studentenzahlen in den meisten Seminaren vierzehn Sitzungen lang Referate gehalten, damit auch ja jeder Student seinen Schein erwerben kann. Diese Praxis ist auf die Dauer ermüdend, außerdem folgt daraus, dass meistens keine oder nur wenig Zeit bleibt, in der gemeinsamen Diskussion Sachverhalte und Thesen zu erarbeiten. Selbst auf hartnäckiges Nachfragen, welche Anforderungen man denn z. B. an eine 9. Klasse im Gymnasialbereich im Sozialkundeunterricht stellen kann, bekommt man oft nur so schwammige Antworten wie etwa: „Das ergibt sich dann schon aus dem Thema und ihren Erfahrungen heraus.“ Welche Erfahrungen? Die zu absolvierenden Praktika innerhalb des Studiums kann man leider immer noch locker an einer Hand abzählen, dazu gehören das Orientierungspraktikum und die Schulpraktischen Übungen (SPÜ).
Da stellt sich natürlich die Frage, was passiert, wenn man erst im Hauptstudium bemerkt, dass man mangels Erfahrung und genauen Vorstellungen über den (später auszuübenden) Beruf eigentlich doch gar nicht mehr Lehrer sein will oder kann. Das Studium abbrechen? Wohl kaum. Denn wer schon sieben Semester oder länger studiert hat, wird vermutlich eher die Zähne zusammenbeißen als noch mal etliche Semester in einer anderen Disziplin abzusitzen. Folglich muss der Beginn einer Lehrerkarriere wie ein Sprung ins kalte Wasser sein, das zudem vermutlich auch noch tiefer ist als angenommen. Als ReferendarIn sieht man sich dann mit Problemen konfrontiert, die während des Studiums allenthalben rudimentär vorkamen, etwa Dinge wie der Umgang mit Schülern, die zu Hause Probleme haben oder gewalttätig sind. Was muss, kann und darf ich in solchen Fällen unternehmen, ohne mich selbst straffällig zu machen? So etwas kommt im Schulalltag vor, nur hat die Ausbildung so wenig Praxisbezug wie ein tausendseitiger juristischer Wälzer. Die besten Tipps könnten da doch eigentlich diejenigen geben, die in der Praxis stehen, also erfahrene Lehrer selbst. Ich frage mich, weshalb es so schwer sein soll, sie in die universitäre Ausbildung mit einzubeziehen. Oder vielleicht sollte man versuchen, schon die Studenten mehr mit in den Schulalltag einzubinden. Auf jeden Fall ist der Zustand im Moment unhaltbar. Dieser kann meines Erachtens jedoch nicht nur mit staatlichen und kommunalen Sparmaßnahmen begründet werden, die zukünftig mit Sicherheit noch um einiges steigen werden, sondern man muss die Ursachen auch bei der Universität und ihren Dozenten selbst suchen. Ob eine Veranstaltung nämlich eher praxisorientiert oder theorieüberladen ist, entscheiden sie selbst.
Warum nicht mal ein Schülerforum einrichten, das es den Studenten ermöglicht, sich an denen zu orientieren, die von guten Lehrern nur profitieren können? Ein Blick über den Tellerrand auf Berechnungen der McKinsey&Company in ihrem Magazin McK Nr. 14 zum Thema Wissen und Bildung zeigt uns, dass die sogenannte Bildungsrendite (das ist der finanzielle Wert eines Studiums oder einer vor-/schulischen Ausbildung) nicht zwangsläufig steigt, wenn man die Ausgaben für Studenten steigert, die bisher pro Jahr ca. zwischen neun- und zehntausend (!) Euro liegen. Betrachtet man also diese im Vergleich zu den Ausgaben für Kleinkinder und Vorschulkinder, die davon nur knapp die Hälfte (ca. 4455 Euro) ausmachen, sind die Aufwendungen für Studis also proportional zum Ergebnis unverhältnismäßig hoch. Was sagt uns das? Es sollte nicht einfach noch mehr Geld für Unis eingefordert werden, sondern erst einmal mit dem effektiv gearbeitet werden, was real zur Verfügung steht und ich würde mal provokativ behaupten, dass das nicht so wenig ist im Vergleich mit anderen Ländern der EU. Ich schlage vor, dass man in Zukunft also die Eigeninitiative mehr fördert und anerkennt. Die kostet nämlich keinen Cent, sondern nur Mut und Zeit.


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