Im Rausch der Tiefe

Frühes EM-Ausscheiden, letzter Platz im europäischen Wachstumsvergleich. Was nun?

Zuerst PISA, dann die rote Laterne im europäischen Wachstumsvergleich und jetzt auch noch das: Deutschland gehört auch im Fußball nicht mehr zur europäischen Spitze.
Ganz Deutschland fragt: Was nun? Im Jahr 2006 findet die Weltmeisterschaft nicht nur in unseren Wohnzimmern, sondern auch direkt in unserem Land statt, und in den Träumen von 80 Millionen Deutschen ist der Titel für „unsere Jungs“ schon gebucht. Rudi Völler weckt uns jedoch mit seinem Rücktritt unsanft auf, er glaubt nicht, er könne uns unsere Träume erfüllen. Auch das noch. Durch die Gesellschaft geht ein Ruck des Entsetzens, auf den tiefe Ratlosigkeit folgt. Erst die Europameisterschaft verloren und nun auch noch den besten Mann auf dem Platz. Lieber hätte die ganze Mannschaft zurücktreten sollen, das ist den Experten der Presse und des Stammtisches sofort klar. Wie soll es jetzt bloß weitergehen, wer oder was kann uns retten?

Tiefe
Foto: www.cdu.de [M]

Wer wagt, gewinnt.

Die Frage ist ergreifend einfach, die Antwort ist es auch.
Die CDU muss ran, ganz klar. Die derzeit amtierende Opposition hat es schon lange gewusst und noch länger angemahnt: Mit Deutschland geht es abwärts, wie mit einem Schlauchboot in den Niagara-Fällen. Schuld ist, wer hätte das gedacht, die rot-grüne Regierung. Glaubt man den aktuellen Umfragen, so ist das Volk sich recht einig darüber, wer unser Land regieren sollte. Die CDU hat jedoch weit mehr als nur politische Kompetenz zu bieten. Ich erinnere mich an einen Slogan der Europawahl-Kampagne: „Damit Deutschland wieder oben mitspielt“. Die Wahlkampf-Strategen der Christdemokraten bewiesen mit dieser Ansage nahezu hellseherische Kräfte, zudem verdeutlicht sie auch die sportlichen Ambitionen der Volkspartei.
Deutschlands Chance kann nur in einer unkonventionellen Lösung bestehen, was Fußball-Deutschland jetzt braucht, sind keine Reformen, wir brauchen eine ausgewachsene Revolution. Die Menschen in unserem Land haben nun wirklich keine Lust mehr auf Reformen, die haben schließlich auch absolut keinen Sexappeal. Revolutionen hingegen sind attraktiv wie riesige Überschriften. Die Vernunft sollte daher bei der Trainerwahl völlig ausgeschaltet werden, im Fußball ist die Begeisterung schließlich wichtiger als nüchterne Fakten.
Vorbild für die kreative Bewältigung offener Führungsfragen ist neuerdings, der Zufall will es so, der Deutsche Fußballbund. Dort zauberte man vor kurzem gleich zwei Kaninchen aus dem Zylinder. Doppelspitze heißt der magische Zaubertrank, der den DFB wieder stärken soll. Bravo, das ist die Lösung all unserer Probleme.
Deutschland braucht eine Doppelspitze, aber nicht in Form von zwei Personen, die das gleiche Amt ausfüllen. Wir bündeln die beiden wichtigsten Ämter der Nation, Bundeskanzler und Bundestrainer, zu einem einzigen Super-Posten. Wir nennen ihn Bundeschef.
Für diesen Job kommt nur eine Person in Frage, welche bereits Vorsitzende der Partei ist, die sich sportliche und politische Kompetenz zuspricht. Ja richtig, es ist eine Frau, und ja, sie ist ein Ossi. Angela Merkel. Ich bin entzückt, mehr Revolution geht nun wirklich nicht.
Sollte diese Variante am Unverständnis des Bürgers scheitern, so steht selbstverständlich
auch eine Zweitbesetzung bereit. Diese Zweitbesetzung besteht, wie der Name schon sagt, aus zwei Personen. Lothar Matthäus und Roland Koch könnten den Posten des Bundeschefs zu zweit übernehmen. Wobei völlig egal ist, wer welchen Aufgabenbereich übernimmt, schließlich trauen sich beide so ziemlich alles zu.

Mut zum Mittelmaß

Mein liebes Deutschland, schauen wir der Realität genau in die Augen, so erkennen wir, dass im Leben manches doch so ist, wie es uns das Fernsehen vorspielt. Es gibt gute Zeiten und es gibt schlechte Zeiten. Nun ist es an uns, in Zeiten sich häufender Niederlagen Größe zu beweisen. Höre nicht auf die Vertreter großer Volksparteien, welche dir erzählen wollen, dein Platz sei selbstverständlich an der Spitze Europas, du hättest von Gott gegebenes Talent, und die dir versprechen, dich wieder ganz groß herauszubringen. Wir müssen uns endlich von diesem fast unverschämten Großmachtdenken trennen. Wir überschreiten oft die Grenze des gesunden Ehrgeizes und verhalten uns wie Streber, innerhalb unserer 25-köpfigen Klasse möchten wir immer die Besten sein. Streber mag jedoch niemand. Im Fußball und in der Volkswirtschaft gibt es schließlich auch kein Naturrecht auf Erstklassigkeit.
Deutschland, du musst jetzt Mut haben zum Mittelmaß. Vergiss nicht, Verlieren ist nicht immer nur ein Zeichen eigener Schwäche, es kann auch das Ergebnis der starken Leistung des Gegners sein.
Komm, wir beide freuen uns über das Ergebnis der jahrelangen Vorbildfunktion, die du für viele inne hattest. Sieh dir den amtierenden Europameister Griechenland an, du müsstest vor Stolz fast platzen. Die Grundpfeiler des griechischen Spiels waren Disziplin, Fleiß und unerschütterbarer Kampfgeist, Tugenden, die dir und deinem Volk nachgesagt werden. Das die Hellenen diese, ihnen zum Teil fremden Werte übernommen haben, ist auch ein Zeichen für den Respekt und die Anerkennung dir gegenüber. Nicht umsonst ist ihr Trainer einer von vielen Deutschen, welche ausländische Mannschaften trainieren. Du bist eines der erfolgreichsten Export-Länder der Welt. Doch wichtiger als Mercedes und Co. ist, dass die Eigenschaften, die dich vor Jahren so erfolgreich gemacht haben, zu einem Exportschlager geworden sind. Es gibt also keinen Grund, jetzt den Kopf hängen zu lassen.
Stattdessen solltest du genau hinsehen und aufpassen, denn wir müssen jetzt endlich auch das Importieren lernen. Als erstes steht der Reimport der eigenen Tugenden an, zudem könnten wir Spielfreude, -witz und Laufbereitschaft durchaus gut gebrauchen.

Neue Größen braucht das Land.

Nach dem Rücktritt Rudi Völlers fragen viele Menschen nach der Moral von der Geschicht. Eine befriedigende Antwort darauf gibt es wohl nicht. Diese Geschichte und ihr Hauptdarsteller bleiben ein Phänomen. Völler bekleidet das zweitwichtigste Amt im Land, ist am Ende offensichtlich an seiner Aufgabe gescheitert und tritt zurück. Inzwischen ist er so beliebt, als hätte er im eigenen Land die Weltmeisterschaft gewonnen, und zwar im Finale mit 6:0 gegen Holland. Was können wir also von diesem Mann lernen?
Die Beliebtheit einer Person ist ein nicht zu unterschätzender Integrations- und Begeisterungsfaktor.
Obwohl die Erwartungen in die deutsche Mannschaft nicht höher waren als im Jahr 2000, sahen 6 Mio. Menschen mehr das EM-Spiel Deutschland gegen die Niederlande (23,54 Mio.) als bei der Europameisterschaft 2000 den Klassiker Deutschland gegen England (17,43 Mio.). Der deutsche Fußball ist in den letzten Jahren zwar nicht viel erfolgreicher geworden, aber die Begeisterung ist sprunghaft angestiegen.
Im fast gleichen Zeitraum (1998/2002 bzw. 1999/2004) sind die Wahlbeteiligungen bei den Europa- und Bundestagswahlen um 2,2 bzw. 3,1 Prozent zurückgegangen.
Wäre eine Integrationsfigur also ein mögliches Mittel gegen politisches Desinteresse?
Spannend ist diese Frage, wenn man sich durch den Kopf gehen lässt, weshalb Rudi Völler so beliebt beim deutschen Volk ist. Dieser Mann hat nie eine starke Führungspersönlichkeit verkörpert, er hat kein besonderes Talent im Umgang mit Medien, und auch als kühlen Pragmatiker kann man ihn kaum bezeichnen. Dieser Mann ist einfach nur ehrlich, glaubwürdig und bescheiden.

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