Die Dynamik, die große Nutzergruppen in Web-Communities entfalten, wird zu kommerziellen Zwecken in Produktbörsen wie Ebay oder Amazon genutzt. Auch unkommerzielle Projekte á la Wikipedia, die jedoch einen libertären und aufklärerischen Anspruch formulieren, konnten sich sehr erfolgreich etablieren. Daneben gibt es weitere, weniger bekannte Internetprojekte mit sozial wertvollem Hintergrund, von denen in loser Folge einige vorstellt werden.

Armut, und zwar existenzielle Armut, macht es selbst hoch motivierten Menschen in vielen Winkeln der Erde nahezu unmöglich, aus eigener Kraft eine menschenwürdige Lebensgrundlage zu entwickeln, geschweige denn sozial aufzusteigen. Die non-profit Organisation Kiva bietet empörten Internetbenutzern eine Plattform, aktiv etwas daran zu ändern, indem sie finanziell schwache Kleinunternehmer unterstützen, ohne den Umweg über aufgeblähte Hilfskonzerne gehen zu müssen.
Mikrokredite statt Almosen
Kiva existiert seit Ende 2005. Vermittelt werden Kleinkredite an Einzelpersonen und Gruppen fernab blühender ökonomischer Landschaften, so nach Kambodscha, Bolivien oder Togo. Das nötige Kleingeld stellen Mitglieder der Kiva-Community, also möglicherweise bald auch Du, in selbst gewählten Anteilen zur Verfügung. Ein Netzwerk unkommerzieller Mikrofinanzeinrichtungen, genannt Field Partners, stellt vor Ort den Kontakt zwischen Kreditnehmerinnen und Kiva her, verwaltet Kreditvergabe und -rückzahlung und sorgt über ihre Landeskenntnisse für eine transparente und seriöse Abwicklung, wie sie der Wohlwollenden aus der Ferne sonst nicht möglich wäre (*). Nach eigenen Angaben hat Kiva bisher 22 Millionen Dollar an Krediten vergeben; 100% der verliehen Gelder kommen bei den Field Partners an.

Kreditnehmer werden in Profilen präsentiert, so dass Einblick in Lebenssituation, unternehmerische Pläne und benötigte Kredithöhe möglich ist. Dadurch können Kiva-Mitglieder gezielt bestimmte Personenkreise und Geschäftsabsichten fördern. Es wäre z.B. denkbar, dass frau gezielt eine Gruppe afrikanischer Frauen bei landwirtschaftlichen Unternehmungen unterstützen will. Oder dass man der Meinung ist, sein verliehenes Geld sei sinnvoll bei einem bolivianischen Einzelunternehmer angelegt, der in einem Dorf einen Internetzugang eröffnen möchte und es so nebenbei der Dorfbevölkerung ermöglicht, sich über faire Marktpreise für ihre Produkte zu informieren. Der Gewinn der Kreditnehmerinnen bildet die ökonomische Basis für eine freiere und stärker selbst bestimmte Lebenssituation, so dass es ihnen in Zukunft möglich wird, alleinverantwortlich zu handeln. Zudem müssen sie sich nun nicht mehr von Kredithaien auffressen lassen, die Kleinkredite üblicherweise mit zweistelligen monatlichen Zinsen belegen.
Risiko
Jeder Kiva-Kreditgeber trägt sein Ausfallrisiko allerdings selbst und erhält, was für ein gemeinnütziges Projekt ohnehin klar sein sollte, keine Zinsen. Das Ausfallrisiko wird durch die akkreditierten Field Partners vor Ort abgeschätzt; diese wiederum sind auf der Kiva-Webseite über eine Skala bewertet, da es eben Stellen auf dieser Welt gibt, an denen Lebensrisiken größer als an anderen ausfallen. Risiken existieren auf der Ebene der Unternehmer (z.B. durch Zahlungsunfähigkeit), der Field Partners (z.B. durch Missmanagement) und der Lebensräume (z.B. durch Kriegshandlungen). Mit einer Erfolgsrate von 97,6% zurück gezahlter Kreditsummen liegt Kiva in etwa gleichauf mit pofitorientierten Mikrofinanzinstitutionen.
Dem Kreditgeber bleibt es überlassen, ob er Menschen in stärker gefährdeten Regionen, die aber möglicherweise auf einen Mikrokredit umso eher angewiesen sind, beleiht und dadurch ein höheres Ausfallrisiko in Kauf nimmt. Der Geldtransfer erfolgt über Paypal, wobei der Dienstleister hier netterweise auf die Transaktionskosten verzichtet.
Schöne Sache, das
Die über Kiva praktizierte Art von Unterstützung armer und ärmster Menschen ist vermutlich besonders effektiv, weil so Eigeninitiative und Selbstverantwortung gefördert werden. Im Gegensatz zu Spenden, die anschließend „weg“ sind, wird das zurück gezahlte Geld wahlweise auf das eigene Konto zurück gebucht oder erneut an weitere Kreditnehmerinnen geliehen, so dass ein Fluss an Förderung entsteht. Die Umsetzung ermöglicht eine zumindest ansatzweise Einsicht in die Lebenswelt der Kleinunternehmerinnen und eine Idee davon, welche Schicksale sich hinter dem Bedürfnis nach einem Kleinkredit verbergen.
Die Kiva-Webseite liefert etliche Hintergrundinformationen zu Aufbau und Funktionsweise der Organisation. Über Kiva Geld zu verleihen ist, einen bereits vorhandenen Paypal Account voraus gesetzt, unkomplizierter als Homebanking. Kiva.org ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie etablierte Bausteine kommerzorientierter Webseiten zu einem unterstützenswerten Zweck eingesetzt werden können (”Shopping Basket”, Geld-Transaktion, Weiterempfehlung an Freunde…). Beeindruckend ist dabei, dass Kiva auf eine große Community von Förderwilligen bauen kann, die das Konzept nun schon seit einigen Jahren trägt und die nach Statistik der letzten Woche alle 21 Sekunden eine Verleihtransaktion ausführt. Nutzer können sich in Teams zusammen finden; das Nutzerteam mit dem größten Verleihvolumen sind dabei die “Atheists, Agnostics, Skeptics, Freethinkers, Secular Humanists and the Non-Religious”, nicht aber die “Kiva Christians” – eine Tatsache, die Kiva sympathisch macht.
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(*) Dazu eine Anmerkung: schon das vor 150 Jahren entwickelte Raiffeisen-Modell basiert auf dem Selbsthilfe- und Solidaritätsprinzip. Das 1976 in Bangladesch vom späteren Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus initiierte Programm der Mikrokredite, nach dem heute viele Mikrofinanzinstitute in den Entwicklungsländern arbeiten, ist inzwischen leider von profitorientierten Fondsgesellschaften als Geschäftsfeld entdeckt worden.


Großartiges Projekt, welches ein herausragendes Beispiel für den Nutzen des Internets als Verknüpfungsbasis einer internationalen Zivilgesellschaft zeigt. So etwas wird leider fast übersehen zwischen Konsumanreizen und überflüssigen informationellen Selbstauskünften. Der Amateur sollte in irgendeiner Form einsteigen.