Kein Selbstmord am Samstag

Städtische Gemeinschaftsgärten für eine bessere Welt

Community Garden in Cambridge, Massachusetts

Mit dem Song Samstag ist Selbstmord besang die Hamburger Band Tocotronic einst die Trostlosigkeit des Wochenendes, das mit Gemütlichkeit, Gartenarbeit und zu viel Freizeit noch die ganze Menschheit zugrunde richten würde. Tocotronics Ablehnung einer ritualisierten Freizeitgestaltung im übergemütlichen Garten mag harsch ausfallen, aber sie steht für die verbreitete Auffassung, dass Gartenbau langweilig, rückständig und bieder sei. Diese Vorstellung ist in Deutschland sicherlich geprägt durch die Mehrzahl an Gärten, die eingezäunt in Einfamilienhaussiedlungen und Gartensparten für den Rückzug in die private Monotonie stehen.

Community Garden in Somerville, Massachusetts

Im Kontrast dazu erleben wir gerade weltweit insbesondere in Nordamerika ein Aufkeimen offener Gemeinschaftsgärten (community gardens), in denen Städter unabhängig von Herkunft, Alter und Einkommen gemeinsam Gemüse anbauen. Die Flächen werden den Gärtnern in der Regel von der Stadt günstig oder kostenlos zur Verfügung gestellt, zum Teil unter der Voraussetzung, dass in erster Linie Essbares angebaut wird und der Garten der Öffentlichkeit zugänglich bleibt. Die Beete werden dann entweder gemeinschaftlich oder individuell kultiviert, was bedeutet, dass es normalerweise mehr Gärtner pro Fläche gibt als in hiesigen Gartenvereinen. Somit müssen die Gärtner nicht ihre ganze Freizeit der Gartenpflege widmen und können während Reisen die Wässerung und Ernte einfach auf andere Gärtner übertragen.

Die Motivationen sich in einem Gemeinschaftsgarten zu betätigen sind so vielfältig wie die Gärtner selber. Jene Mitmenschen unter uns, die sich tagsüber mit digitalen und leblosen Sachen verdingen, schätzen es mit allen Sinnen mit der (kultivierten) Natur in Berührung zu kommen. Gärten schmecken und riechen dufte, fühlen und hören sich äußerst gut an und schauen darüber noch fantastisch aus. Gartenanfänger müssen sich nicht auf die Beackerung einer großen Fläche verpflichten und können leicht von den Erfahrungen anderer lernen. Sich in Gemeinschaftsgärten zu engagieren heißt oft auch etwas für die Gemeinschaft zu tun, denn oft wird ein Teil der Erträge an Volx- und Suppenküchen, Frauenhäuser und Obdachlosenheime weitergegeben.

Community Garden in Somerville, Massachusetts

Zwar säumt der grüne Teppich nach wie vor die Grundstücke der meisten amerikanischen Vororte, allerdings haben sich über die letzten Jahre Gemeinschaftsgärten kontinuierlich in urbanen Ballungsräumen ausgebreitet. Dieser Trend wird sicher im Laufe der aktuellen Wirtschaftskrise und bei weiter steigenden Lebensmittelpreisen anhalten. Das weltweite Aufkommen von Gemeinschaftsgärten scheint wie eine Renaissance einer fast vergessenen Gartenbewegung. Die frühen Kleingärten waren aus der Armut und Unterernährung unter der städtischen Arbeiterschicht entstanden. Später wurden sie zunehmend auch als naturnaher Ort der Erholung und Entspannung verstanden. Während diese Faktoren auch für die heutigen Gemeinschaftsgärten gelten, sind letztere auch von aktuellen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen beeinflusst.

Viele Menschen sind der Agrar- und Lebensmittelindustrie zunehmend misstrauisch und möchten wissen wo ihre Nahrungsmittel herkommen. Bei Gemüse aus einem städtischen Gemeinschaftsgärten können sie sich sicher sein wo und wie es angebaut wurde. Ein Gemeinschaftsgarten kann auch ein offener Ort der Begegnung zwischen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen sein. In Deutschland wurde das Konzept interkultureller Gärten entwickelt, in denen Migranten und Deutsche aufeinander treffen und Erlebtes austauschen. Insbesondere für Flüchtlinge aus Krisengebieten können diese Gärten als Ort praktischer Solidarität und Therapie gesehen werden. Gemeinschaftsgärten sind oft auch fassbare Projekte basisdemokratischer Selbstverwaltung, in denen Gärtner gemeinsam über Fruchtfolge, Arbeitsverteilung und Kulturveranstaltungen entscheiden.

Community Garden in Calgary, Kanada

Betrachtet mensch die großen Herausforderungen unserer Zeit wie globale Erwärmung, soziale Entfremdung und politische Ohnmacht, so stellt ein Samstag im Gemeinschaftsgarten keinen Selbstmord sondern einen spannenden, lokalen und konkreten Handlungsansatz dar. Städtische Gemeinschaftsgärten reduzieren Transportwege und Preise von ökologischen Lebensmitteln erheblich, bringen Menschen verschiedener Hintergründe näher zusammen und schaffen ein Stück Selbstbestimmung in einem weitgehend fremdbestimmten Alltag.

2 Antworten zu “Kein Selbstmord am Samstag”


  1. 1 foad

    auch noch mit wordpress… !

    sehr geehrter Amateur,

    ich wollte soeben diese Domain für mich sichern lassen und siehe da, ein anderer amateur kam mir längst zuvor.

    so bleibt mir nichts anderes übrig als unbekannte herzliche grüße zu hinterlassen.

    hochachtungsvoll
    DER AMATEUR

  2. 2 pollkoll

    Ich finde aber, dass Sonntag in Deutschland echt ein Selbstmord ist! Und zwar ein wahrer, denn alle Geschäfte sind zu und man wirklich zu viel Zeit hat und nicht weiß wohin mit sich…..
    Gärten, Gartenarbeit sind natürlich herrlich und gewiss verhindern den “Selbstmord am Samstag”, wenn man ein Garten zu Hause hat. Und wenn man nicht in den Genuss der frischen Natur kommen kann und richtig fühlen kann, wie anstrengend eine Gartenarbeit sein kann :-)

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