Magdeburg sollte dick auftragen

Wandmalerei als Kunstform für ein optisch bunteres und freundlicheres Magdeburg.

Magdeburg. Grau und trist erwacht diese Stadt jeden Morgen aus seiner Nachtruhe. Die bunten Träume seiner Einwohner der letzten Nacht sind schnell verflogen. Blechern schieben sich endlos scheinende Autokolonnen durch zart beleuchtete Straßen. Das Scheinwerferlicht zeichnet einfarbige Schatten von vorbeieilenden Menschen an eintönigen Häuserwänden. Schwarze Gestalten bewegen sich einsam und anonym auf grauem Untergrund in den anbrechenden Tag. Das heutige Magdeburg wirkt so schlaff, farblos und traurig wie Stummfilme vergangener Jahrzehnte. Unzählige Gebäude stehen leer und verlassen oder unsaniert und abbruchreif am Straßenrand. Nackte Betonflächen wohin das Auge auch nur schaut. In diesen Stunden ist Farbe lediglich in den Bremslichtern der Autos oder an der Ampelanlage auf der nächsten Kreuzung zu finden. Doch auch zur Mittagszeit wird die Stadt nicht wirklich bunter und freundlicher. Was dem Frühaufsteher in den Morgenstunden noch als graue glanzlose Wandfläche begegnet, erstrahlt auch im Tageslicht nicht wirklich heller und prächtiger. Die Stadt braucht unbedingt einen farblichen Anstrich.
Philadelphia. Leuchtend bunte Träume, verewigt auf Mauern, Häuserwänden und Brücken schmücken heute die amerikanische Industriestadt. Irgendwo in der Stadt erhebt sich ein riesiges Feld voller gelber Sonnenblumen. Dann wieder begegnet man einem gigantischen Frank Sinatra, der scheinbar für ein ganzen Viertel zu singen scheint. Das einst graue und schmuddelige Philadelphia ist erwacht. Mehr als 2500 öffentliche Wandgemälde machen sie zu Amerikas größter Galerie unter freiem Himmel. Zu sehen sind Szenen aus dem Arbeitsleben oder Sportler und Madonnen, abstrakte Muster oder manchmal einfach nur Kitsch. Fassaden die einen farblichen Anstrich nötig haben, kann man an jeder Ecke finden. Die Murals (engl.), überdimensionale Wandgemälde, Auftragskunst, Teil einer Stadtkultur haben der Stadt und den Menschen eine Möglichkeit gegeben, sich ihr zu öffnen und sie zu gestalten. Es kommt schon mal vor, dass sich Touristen an der einen oder anderen Ecke für eine Weile niederlassen und den Blick gen Himmel richten. Sich angeragt über das Mural vor ihre Nase unterhaltend, vergessen sie Raum und Zeit. Gespräche mit völlig fremden Menschen werden begonnen.
Murals. Die Kunst der Murals lässt sich verstreut über den ganzen Globus finden. Die riesigen Wandmalereien haben alle das gleiche Ziel, entstehen aber nicht immer mit der gleichen Technik oder bestehen aus demselben Material. Bei den monumentalen Wandbildern handelt sich aber nicht um eine Kunstform, die erst in unserem Jahrhundert als Mittel der künstlerischen Ausdrucksform entdeckt und praktiziert wurde, großflächig Wände und Decken zu gestalten. Schon Leonardo da Vinci malte seine gigantischen Deckenbilder als Wandmalerei und schaffte somit Kunst, die für ewig zugänglich sein wird und Millionen von Menschen erreicht. Murals können zu den unterschiedlichsten Themen und Ereignissen Stellung nehmen. In Mexiko (stellvertretend für Lateinamerika) zum Beispiel, tragen viele Murals eine politische Botschaft. Häuserwände dienen dort mit kämpferischen Bildern als Plattform des kulturellen Austausches und vermitteln den „Lesern“ Botschaften. Die Bilder wecken Gefühle und sind meistens Ausdruck der dort lebenden Menschen eines ganzen Stadtviertels. Murals bringen die Menschen zusammen. Und das alles legal. Keiner wird sich über Schmierereien und Vandalismus aufregen können, denn wird eine geeignete Fassade als bemalenswert befunden, entscheidet die Gemeinde oder der Sponsor, welches Motiv als Wandbild aufgemalt werden soll. Verhandlungen über das Sponsoring finden statt. Die Auswahl der Künstler und Helfer muss getroffen werden. Die Künstler richten sich ganz nach den Wünschen der Auftraggeber, denn nicht der Künstler muss mit dem riesigen Bild tag ein und tag aus in seinem Viertel leben, sondern die Menschen. Da Murals von allen Künstlern geachtet werden, bleiben Schmierereien und anderen Straftaten dort aus, wo großflächig gemalt wurde.

Von Philly lernen. Die Stadt schaffte es mit Hilfe der Murals einen neuen Geist und Attraktivität in die ehemals Armen- und Problemviertel seiner 5 Millionen Metropole hineinzutragen. Menschen aus den verschiedenen Schichten und Stadtteilen fühlen sich durch simple Bilder vereint. Und darüber hinaus erfreuen sich die bisher gemiedenen Viertel durch ein einfaches Projekt mit Hilfe der farbenfrohen Bilder der Wiederintegration in ihre Stadt. Kann ein solches Konzept der urbanen Verschönerung wie es in Philly überaus gut funktioniert hat, nicht auch in Magdeburg umgesetzt werden? Graue und triste Hauswände gibt es an fast jeder Ecke. Ein künstlerischer Farbanstrich würde sicherlich hier und da möglich sein und zu einem sympathischeren und freundlicheren Stadtbild beitragen. So könnte man die Tunnelwände am City Carre in Richtung Damaschkeplatz mit meterlangen, farbenprächtigen Schmetterlingen oder eine Wiesenlandschaft samt Bäumen, See und Sommerhimmel bemalen. Weitere Flächen lassen sich an den beiden Außenfassaden der Seitenwände des Blauen Bocks am Alten Markt, am Damaschkeplatz oder auch an einigen Hochhäusern in und um Magdeburg finden, um hiermit einmal eine Diskussion anzuregen. Einen ersten Versuch in die richtige Richtung wurde schon vor geraumer Zeit mit dem Dinosaurierbild zwischen dem Oli Lichtspielhaus und der Kneipe Canape auf der Olventstedter Straße schon geschaffen. Und so bunt wie sich Magdeburg am Hunderwasserhaus seinen Touristen präsentiert, kann es das auch anderen Orten schaffen. Sehenswertes muss nicht nur an einer Stelle in Magdeburg gefunden werden. Man sollte sich jedoch bewusst sein, dass das Aufmalen von Murals kein einmaliges Projekt ist. Schnee, Regen und Wind setzen der aufgetragenen Farbe genauso zu wie die Sonne. Nach und nach verbleichen die farbenfrohen Bilder. So wie wir altern und über die Jahre an Attraktivität verlieren, verblassen auch die Wandbilder. Und es wäre doch schade, wenn die Arbeit vieler durch die Unachtsamkeit weniger dafür Verantwortlicher in Vergessenheit geraten würde oder gar überstrichen werden müsste.

Nachtrag

So schön und farbenfroh einige mögliche Murals-Projekte in Magdeburg auch sein könnten und so gerne ich mir großflächige Wandmalerei auch Tag für Tag immer wieder aufs Neue ansehen würde, die graue und ausweglose Wirklichkeit vieler Arbeitssuchenden und am Rande der Existenzminimum Lebenden könnten auch sie nicht übermalen. Die soziale Stellung eines Arbeitslosen verbessert sich nicht, nur weil koordiniert ein wenig Farbe in seine unmittelbare Umgebung gebracht wurde. Sein Elend mag für ihn zwar in diesem einem Moment der Bildaufnahme durch die Farbpracht und die vom Bild positiv ausgehende Energie vergessen sein, doch spätestens in den eignen vier Wänden ist er wieder in der harten und kalten Realität angekommen. Und würde man den in der Unterschicht angekommenen Arbeitssuchenden nach seiner Zustimmung für öffentlich geförderte Wandmalerei befragen, er würde sicherlich bessere Verwendungsmöglichkeiten für das auszugebende Geld vorbringen.
Leider, so glaube ich, werden die Stadtführer Magdeburgs für diesen Vorschlag der urbanen Verschönerung nur ein müdes Lächeln übrig haben. Zu viele Löcher gilt es dieser Tage zu stopfen. Schulen werden geschlossen, öffentliche Leistungen drastisch gekürzt. Die kulturelle Förderung, unter die ich auch das Erschaffen von Wandmalerei zählen würde, wäre da sicherlich der letzte Ausgabenpunkt, der bei der Verteilung des Haushalts berücksichtigt würde.

Ein farbenfrohes Allerlei diverser street art-Projekte lässt sich auf der Seite von woostercollective.com finden. Wer es einmal nach Philly schaffen sollte und sich dort etwas Zeit für eine Mural- Bustour übrig hat, der sollte auf jeden Fall den Link zum Mural Arts Programm nutzen und dort ein wenig herumstöbern.

Bild 1 “s-philly-music” von hier

6 Antworten zu “Magdeburg sollte dick auftragen”


  1. 1 Michael

    Eine gute Anregung, die sich zu verhältnismäßig geringen Kosten und unter zahlreicher Beteiligung der ortsansässigen Künstlerschaft realisieren lassen sollte. Wenn ich an die neu umgebaute Betonwüste Universitätsplatz denke und den m.M.n. etwas größenwahnsinnigen Plan, dort für ca. 100000 Piepen eine Skulptur von Cragg auf zu stellen, liegt es nahe, diese Summe einmal in Wandgemälde umzurechnen, deren Lebensdauern zwar kürzer sind als eine die einer Skulptur, die sich aber andererseits aus genau diesem Grunde auch häufiger erneuern lassen und sicher “näher an den Einwohnern dran” wären.

    Wobei der o.g. Künstler Tony Cragg momentan in einer sehr sehenswerten Ausstellung im Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg vorgestellt wird – aber ‘ner armen Stadt kann man eben nicht in die Tasche fassen.

  2. 2 Michael
  3. 3 martin

    apropos grau und karg: hatte neulich mal die gelegenheit, mir die lichtanimation am blauen bock anzuschaun. war ja dann doch eher dürftig. unten rechts 2 fenster konstant beleuchtet, oben links im wechsel zwischen an und aus. aber immerhin etwas…

    zu cragg: wenn sich die stadt nen stadion leisten kann (15 mille eigenbeteiligung), dann werden doch wohl noch 100000 über sein für die skulptur. die ich übrigens gelungen finde und deshalb pro: cragg!!! :-)

  4. 4 Juliane

    Kommt schon Leute, wir sind ne grüne Stadt, bloß nicht zu Winterdepression hinreißen lassen ;-))

  5. 5 marian

    Es gibt hier in Magdeburg kaum demokratische Struktur/Kultur noch politischen Willen in der Stadtverwaltung, unkonventionelle Dinge im öffentlichen Raum auszuprobieren. Die Friedenstafel z.B. wurde über zwei Jahre vom Bürgermeister blockiert – dafür war er schneller dabei, diese Stadt mit einem Kriegsschiff zu befreunden.

    Der öffentliche Raum wird als Ort des Verweilens und Miteinanders Schritt für Schritt privatisiert und kommerzialisiert. Welcher Konsumtempel möchte denn gesellschaftliche Visionen an seinen Auszen- oder gar Innenwänden sehen? Diese Flächen sind schon fürs Wecken konsumistischer Bedürfnisse verplant, um gesellschaftliche Leere und Belanglosigkeit zu kompensieren. Visionen oder gar Utopien wären daher eher ein Wettbewerbsnachteil.

    Sollten sich Künstler und Entscheider dennoch einig werden, lassen Besitz- und Machtverhältnisse dann die so genannte Kunst im öffentlichen Raum zum Zuckerguss über die – mit Verlaub – Scheisze werden.

    Progressives Potenzial in der Kunst sehe ich im Moment eher in illegalen Graffiti-Schmierereien (lies: klandestin-charmante Streetart), wie wir sie bereits an vielen Ecken dieser Stadt kennen und schätzen lernen durften.

    @Michael: Ich sehe das ähnlich wie du. Nähe zum Menschen und regelmäszige Erneuerung wären mit Wandmalerei/Graffiti/Streetart eher gegeben.

    @Martin: Du meinst bestimmt 15 Millionen statt 15 Tausend.

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