Ich bin in München auf Museumstour. Auf eine Ausstellung freue ich mich ganz besonders. Im Kunstbau des Lenbachhauses ist gerade eine große Sammlung von Picassos Werken zu bewundern.
Ich beginne mit den Grafikzyklen. An einer sehr langen, sehr hohen Wand sind seine Grafiken nach Lebensabschnitten unterteilt aufgehängt. Ich fange vorne an. Bei den ersten Bildern muss ich lachen. Da liegen nackte Frauen mit gespreizten Beinen auf Betten rum und angezogene Männer gucken ihnen zu, beim Rumliegen. Ist sehr witzig. Picasso, ein Mann mit Humor, denke ich. Ich streife weiter die Mauer entlang und kann nur staunen über diese Kunst, die aussieht wie schnell mal zwischendurch gezeichnet und doch so großartig ist. Doch was ist nun? Die nackigen Frauen kommen immer wieder, und immer wieder sind da Männer, die ihnen auf ihre Geschlechtsteile gucken.
Jetzt muss ich nicht mehr lachen. Das Lachen ist mir wirklich vergangen.
Dieses sich ständig wiederholende Motiv geht mir auf die Nerven. Merkwürdig, dass Picasso manchen Frauen die Brüste direkt unter das Kinn legt oder Hände mit vier Fingern malt. Doch das, was sich zwischen den Beinen der sich räkelnden Frauen zeigt, ist immer anatomisch korrekt dargestellt. Wie aus dem Biobuch. Irgendwann kann ich nicht mehr hingucken und suche mir flüchtig die Bilder mir Pferden oder anderen Tieren drauf. Ich bin wütend auf Picasso. Es ist zwar nicht so, dass man nicht ab und zu auch einen Penis sehen würde, doch im Verhältnis zu bloßgelegten Vaginen gibt es die recht wenig. Ich, als Frau, fühle mich bei diesem Anblick etwas reduziert. Hab ich nicht irgendwo gehört, dass Picasso die Frauen geliebt hat? Naiv wie ich bin, dachte ich wohl, dass ein so großer Künstler an den Frauen ihre Stärke und Schönheit schätzt. Doch Picasso legt sein Augenmerk in diesen Grafiken größtenteils auf den Bereich zwischen den Beinen.
Ich bin zwar immer noch ein bisschen sauer auf den Meister, schlendere aber trotzdem weiter zu den Gemälden. Hier finde ich auch den Picasso den ich mag. Portraits, Stierkämpfe, ab und zu ist jemand nackig, doch das Motiv der nackten Damen und den angezogenen, glotzenden Männern wiederholt sich nicht mehr.
Zu Hause erzähle ich einer Freundin von meinem Ausflug und sie sagt: „Letztens hab ich gehört, dass der schwul war.“ Kein Wunder, denke ich. Ein Mann, der so ein Bild von Frauen hat und scheinbar die Vagina für die schönste Stelle des weiblichen Körpers hält, kann nur schwul werden.


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