Filmnachruf. Mucks-Mäuschen-Still
Eigentlich wollten wir nur ins Kino.
Eine Tüte Popcorn, einen Becher Zuckerwasser (eines Globalplayers deiner Wahl) und ein kühles von zarter Schokolade umhülltes Eis.
Berlin, 3,383 Mio. Einwohner.
Kultur.
Unzählige Filmhäuser.
Aber die zur Auswahl stehenden Kinosäle, in denen dieser gesellschaftskritische Film über die Leinwand lief, waren sehr begrenzt. Die Vorstellung war genau von 10 Leuten besucht, das lag zum einem an der Uhrzeit und zum zweiten, dieses sollte sich nach dem Film herausstellen, am Film selbst.
Die Erwartungen an einen witzigen, satirischen und unterhaltenden Kinonachmittag sollten schon nach den ersten 5 Minuten auf den Nullpunkt gedämpft werden. Die Vorschau aus dem Fernsehen vermittelte einen lustig bis amüsant zu erwartenden Kinonachmittag. Die damals dort gezeigten Ausschnitte verzerrten die Wahrheit ein wenig. Die lange Suche nach einem Kino, in dem dieser Film noch gezeigt wurde und die gewissenhafte Selektion der anderen Kinos dieses „Kunstwerk“ nicht auszustrahlen, war nun geklärt.
Laute, verwackelte und völlig überzogene Bilder sollten dieses kulturelle Ereignis eines informativen und amüsanten Nachmittags zugrunde richten.
Welche Aussage mit diesem Film gemacht und was dem Zuschauer genau vermittelt werden sollte, war nicht ganz so vordergründig zu erkennen, lediglich die Anregung zu einer hitzigen Diskussion mit meiner Filmbegleiterin/ besseren Hälfte war das einzig Verwertbare aus diesem doch so hoch gelobten Film. Die überspitzte Darstellung unserer Gesellschaft, projiziert auf und verkörpert durch einen Hauptdarsteller, ist durch die Flut an Ereignissen und zeitweise zu schnellen Bildern überdosiert.
Die zentrale und immer wieder auftauchende Botschaft, SELBSTJUSTIZ, soll verdeutlichen, der eigene Beitrag zu einer „besseren und von Straftätern gesäuberten Gesellschaft“ ist nicht von einem jeden eigenständig in die Tat umzusetzen. Das vermittelte Gesellschaftsbild, ohne Polizei und andere staatliche Ordnungskräfte, sei eine intakte und straftatenfreie Gesellschaft zu schaffen, ist in der Realität einfach nicht möglich, völlig unreal! Doch sollte sich hier der einzelne, rechtschaffene, gesetzestreue Staatsbürger nicht zu größeren Taten verpflichtet fühlen?
Wenn ein jeder dem Beispiel des Hauptdarstellers aus dem Film folgen würde und eine für seine Maßstäbe ordnungsgemäße Gesellschaft kreieren würde, säßen wir im Chaos und das demokratische Gesellschaftsprinzip hätte völlig versagt.
Straftäter bei Temposünden auf Landstrassen zu überführen, Schwarzfahrer in der Metro zur Kasse zu bitten, freie Kunst der deutschen Jugend an öffentlichem Gut (nennen wir es für alle nicht so schnellen: Graffiti) bis zum Tode des vermeintlichen Straftäters versuchen zu ahnden, Leute bloßzustellen, kurz gesagt den modernen Robin Hood zu spielen, steht keinem in unserer Gesellschaft zu.
Das tragische Ende vom Moralapostel ist hier deutlich zu sehen.
Der Druck, einen jeden Grenzgänger unserer Gesellschaft bestrafen zu wollen, zu können, ist von einem menschlichen Individuum nicht zu bewältigen. Auch nicht von einem ganzen Mitarbeiterstab! Ein innerer Konflikt des Hauptdarstellers treibt ihn schlussendlich an die gleiche Stelle wie jeden anderen Straftäter zuvor. Geplant, eiskalt und nur auf sich selbst bedacht, begeht er die einzige ihm zum Verhängnis werdende Straftat seines Lebens. Zu Anfang des Filmes lernt er die Unschuld und Reinheit, verkörpert und, wie es für ihn scheint, für ewig eingeschlossen, in einem „sündenfreien” Mädchen, kennen. Sie sieht einen guten, reiferen Freund in ihm, er aber nur das in ihr, für das sie stehen soll.
Wann etwas moralisch verwerflich ist, muss ein jeder in unserer Gesellschaft selbst für sich entscheiden. Für alles andere sind Gesetze geschaffen worden. Die Umsetzung dieser und der anschließende Strafvollzug sind zwar langwierig, doch für jeden bekannt und auf jeden anwendbar.
Wann ist es richtig, sich einer öffentlichen Dienstleistung ohne wertmäßigen Ausgleich in Form einer Bezahlung zu bedienen?
Ist Schwarzfahren moralisch verwerflich?
Ja!
Und ja, egal aus welchem Grund der- oder diejenige ohne entwerteten Fahrausweis sich einer Dienstleistung bedient hat!
Sich eine eigene Meinung zu bilden, diese zu vertreten und sachlich an den andern heranzutragen, steht einem jeden von uns frei. Diese Ebene der Argumentation dann jedoch zu verlassen und Leute wegen ihres Handelns zu sanktionieren, das nicht! Hat nicht ein jeder von uns schon mal, ob nun als Kind oder Erwachsener, im Sommer ins Becken des Freibades gepinkelt?
Steht es einem Mitwisser zu, diesen Menschen, der die Gesellschaft wissentlich betrügt, in Selbstjustiz zur Rede zu stellen? Wo hört das eigene Recht zur Verbesserung der gesellschaftlichen Missstände auf, und wo darf noch etwas gesagt oder getan werden?
Der Film versucht, ganz offen Schwachstellen in unserem Rechtssystem aufzuzeigen, dabei ist es jedem klar, dass sich unsere Ordnungshüter nicht aller Gewalttaten und Verbrechen in einer solch komplexen und verschwiegenen Gesellschaft annehmen können.
Ist SELBSTJUSTIZ das einzige und richtige Mittel zur Lösung der Probleme unserer Gesellschaft? Körperlich ein Wrack, geistig überfordert und blind für den Alltag, stellt der Hauptdarsteller am Ende ein Bild von völliger Selbstüberschätzung und Wahnsinn dar.
Es ist niemals verkehrt, ein wenig für eine „heile“ Welt zu kämpfen, für Grundsätze einzustehen und sein Wort gegen andere zu erheben. Doch sollte das alles in einem Rahmen des Respektes dem anderen gegenüber passieren.
Wir, die Mitglieder unseres Systems, nehmen auch nur das auf, was uns tagtäglich aus den Medien vorgesetzt wird. Ein jeder lernt so für sich das herauszufiltern, was für ihn richtig und wichtig ist. Wir sind das Produkt unserer eigenen Umwelt, wieviel man an sich selbst arbeiten will und welches Bild unsere freie Welt dann annehmen wird, ist schwer zu sagen.


1 Antwort zu “Selbstjustiz?”