Seit Wochen observierte ich die Homepage der kanadischen Botschaft nach Veränderungen im Hinblick auf die Einreisebestimmungen für Touristen aus Deutschland. Tatsache ist, dass sich Angehörige der deutschen Staatsbürgerschaft bis zu sechs Monate in Kanada aufhalten dürfen, ohne ein Visum beantragen zu müssen. Und genau das hatte ich vor: Genau sechs Monate wollte ich in Kanada verbringen, um meinem Lebenslauf um einen Auslandsaufenthalt zu bereichern.
Doch bekanntlich muss man und auch frau sich in „Zeiten des Terrorismus“ auf etwaige Änderungen in den Einreisebestimmungen gefasst machen.
Seit Wochen tat sich zu meiner Erleichterung nichts bei der kanadischen Botschaft. Eines Tages kam mir aus einer Art Paranoia heraus der Gedanke, einmal auf der Homepage der amerikanischen Botschaft nach den Bestimmungen für Transitvisa zu schauen, denn ich hatte aus finanziellen Gründen keinen Direktflug nach Kanada gebucht, sondern wollte über London und Dallas (Texas) nach Kanada einreisen. Auf der Homepage hieß es vielversprechend: „Sie können ohne ein Visum in die Vereinigten Staaten reisen oder das Land zur Durchreise nutzen, wenn Sie im Besitz eines Rückflug- oder eines weiterführenden Tickets sind (weiterführende Tickets dürfen nicht in Kanada, Mexiko oder der Karibik enden).“ Im Besitz eines weiterführenden Tickets war ich, allerdings irritierte mich der unauffällige Satz in Klammern. Mein „weiterführendes Ticket“ endete in Kanada.
Da auf der Website keine weiteren Informationen zu finden waren, rief ich, um auf Nummer sicher zu gehen, bei der amerikanischen Botschaft in Berlin an (die für diese Dienstleistung EUR 1,86/min berechnet). Nach längerer Zeit in einer Warteschleife erklärte ich dem freundlichen Herrn am anderen Ende der Leitung mein Anliegen: Einreise nach Kanada über die USA, Dauer des Aufenthalts in Kanada sechs Monate. „Ja“, sagte der freundlich Herr, „da brauchen Sie ein Visum!“ „Für Kanada?“, fragte ich ungläubig.
„Nein“, antwortete der Herr gleichbleibend freundlich, „für die USA. Sie halten sich länger als 90 Tage in einem Nachbarland der USA auf. Daher brauchen sie ein US-Visum.“
Überrumpelt ließ ich mir einen Termin bei der amerikanischen Botschaft geben – für ein persönliches Interview, das für einen Visumsantrag unbedingt erforderlich ist. Glücklicherweise war noch genug Zeit, einen solchen Antrag zu stellen.
2 Monate später – ich hatte alle Unterlagen beisammen und meine Antragsgebühr von EUR 90 brav bezahlt – saß ich in einer Berliner U-Bahn auf dem Weg zu meinem persönlichen Interview.
Ich fand die Straße, in der sich die amerikanische Botschaft – laut den Auskünften auf der Webpage – befinden sollte. Vor einem Haus, das einem Gefängnis ähnelte (hohe mit Stacheldraht und Glasscherben gesicherte Mauern, viele Antennen auf dem Dach, Kameras an allen Ecken) blieb ich unschlüssig stehen. Kein Schild besagte, ob ich richtig war. Ich fragte eine Frau, die auf einem Fahrrad unterwegs war. Sie deutete auf ein Gebäude, das, nicht minder gesichert, 200 m weiter stand und vor dem sich eine kleine Menschenansammlung gebildet hatte. „Die Botschaft ist dahinten, aber damit“, sie deutete auf meinen Rucksack, „kommen Sie da nicht rein. Taschen oder Rucksäcke dürfen nicht in die Botschaft gebracht werden. Vielleicht gibt es am U-Bahnhof Schließfächer.“
Es gab keine, wie ich schnell feststellen musste. In meiner Verzweiflung (nur noch 5 min bis zu meinem Termin) fragte ich eine Verkäuferin in einem Zeitungskiosk, ob sie auf meinen Rucksack aufpassen könne. „Aber mit der Tasche“, sie deutete auf meine Handtasche, „kommen Sie da auch nicht rein. Lassen Sie die besser auch hier.“ Ich gab ihr mit einem unguten Gefühl auch meine Handtasche, nachdem ich meine Unterlagen herausgenommen hatte. Sie sah mein Zweifeln und meinte nur: „Sie sind nicht die erste, die ihre Handtasche hier hinterläßt.“
Wie recht sie hatte, merkte ich, als ich die Botschaft erreichte. Gerade war ein Mädchen mit einer lunchboxgroßen Handtasche abgewiesen worden. „Keine Handtaschen, Fotoapparate oder Handys“, sagte der Wachmann, der den Eingang zur Botschaft versperrte, mit unbewegtem Gesicht. Der Eingangsbereich war zusätzlich durch ein eisernes Gitter gesichert. Dahinter konnte man eine gläserne Schleuse sehen, in der Personen einem Securitycheck, wie man ihn vom Flughafen her kennt, unterzogen wurden. Der Securitycheck dauerte lange. Daher hatte sich auch die Traube vor der Botschaft gebildet. Erleichtert erfuhr ich, dass die meisten einen Interviewtermin zur selben Zeit wie ich hatten. Alle waren ein wenig aufgeregt, nicht wissend, was sie im Inneren dieses hermetisch abgesicherten Gebäudes erwartete. Direkt nach mir war eine orientalisch aussehende Familie angekommen. Die Frau hatte ein offensichtlich nur wenige Tage altes Baby bei sich, das vor sich hin quengelte. Vor mir wartete ein Journalist, der ein Volontariat in den USA machen wollte. Man wartete und kam ganz natürlich miteinander ins Gespräch. In mir wuchs ein Gefühl der Solidarität mit diesen Menschen, die auf die eine oder andere Weise dasselbe wollten wie ich: In die USA einreisen. Als ein Mann aufgeregt feststellte, dass er keine Briefmarke für seinen Rückumschlag hatte (eines der Erfordernisse für den Visumsantrag), begannen alle, in ihren Taschen zu wühlen. Irgendjemand brachte eine Briefmarke zutage und reichte sie dem Mann, der sie dankbar nahm. Ein Mädchen kam aufgelöst aus der Botschaft. Am Telefon war ihr mitgeteilt worden, dass sie keinen Interviewtermin bräuchte, sondern sich einfach möglichst früh vor der Botschaft einfinden sollte. Jetzt stellte sich heraus, dass ihr Antrag ohne Termin nicht bearbeitet werden konnte. Diskussionen mit dem Wachmann halfen wenig. Kein Termin, kein Zutritt zur Botschaft, kein Visum.
Auch ich war nervös. Endlich wurde ich aufgefordert, mich durch das Eisengitter in die Sicherheitsschleuse zu begeben. Alle meine Unterlagen wurden geröntgt, mein Pass wurde kontrolliert, ich wurde abgetastet. Ich wurde kurz zu meinen Personalien befragt, dann durfte ich die Sicherheitsschleuse verlassen und eines der Gebäude betreten, die die USA in Deutschland vertreten. Im Eingangsbereich befand sich ein Briefmarkenautomat, für Leute, die ihren Rückumschlag nicht frankiert hatten. Sie denken wenigstens mit, dachte ich schmunzelnd. Nachdem ich einen weiteren Kontrollmann passiert hatte, kam ich in eine Art Warteraum, an den verschiedene Schalter grenzten, wo Leute zu ihrem Visumsantrag interviewt wurden. An einer Wand hing ein Bild, das verletzte Menschen, Trümmer, kurz: Chaos zeigte. „September 11th – never again“, stand in großen schwarzen Buchstaben darunter. Eine Rechtfertigung für all die Unannehmlichkeiten, die mit der Einreise in die USA einhergehen? Vielleicht.
Ich reihte mich in die Warteschlange, die sich vor dem Hauptschalter gebildet hatte, ein, kam einige Zeit später dran und gab meine Unterlagen ab. Es schien alles da zu sein. Die Frau war sehr freundlich zu mir, nachdem sie sah, daß ich nach Kanada wollte und nicht in die USA. Ich wurde gebeten, noch eine Weile im Wartesaal Platz zu nehmen, und auf mein Interview zu warten. Ich hatte Zeit die Leute zu beobachten, die bereits interviewt wurden. Der Journalist hatte Schwierigkeiten. Ein Volontariat bei N24 New York? Kein Problem! Aber Artikel schreiben und gar veröffentlichen? Besonders letzteres Vorhaben erschwerte die Erteilung des Visums offensichtlich ungemein. Die Frau mit dem Baby, die mir schon vor der Botschaft aufgefallen war, schien ebenfalls Schwierigkeiten zu haben. Sie sprach nur gebrochen Deutsch und kein Englisch und hatte scheinbar Fehler beim Ausfüllen ihres Antrages gemacht. Zu ihr war die Dame am Schalter bei weitem nicht so freundlich wie zu mir. Vielleicht machte auch ihr persisches Aussehen einen Unterschied…
Schließlich und endlich wurde meine Nummer aufgerufen und ich begab mich zu meinem Interview. Nur eine Frage wurde mir gestellt: „You want to travel to Canada?“. Ich bejahte. „Please place your left and right indexfinger here….“ Ich ließ meine Fingerabdrücke von einem kleinen rot blinkenden Gerät abnehmen und war entlassen.
Mein Visum wurde mir am nächsten Tag zugestellt. Es ist für 10 Jahre gültig. Dass ich schließlich bei meiner Reise über England und die USA nach Kanada an allen Flughäfen sehr kritisch beäugt wurde gerade wegen meines amerikanischen Visums, ist eine andere Geschichte. Niemand dort war der Meinung, dass ich dieses Visum für meine Reise nach Kanada brauchte. Im Gegenteil, es stimmte die Beamten dort sehr misstrauisch.
Jeder kann sich ein Ticket nach Kanada kaufen und sich auf diese Weise unproblematisch ein amerikanisches Visum beschaffen. Niemand hat je nachgeprüft, ob ich wirklich die Absicht habe, nach Kanada zu fliegen, obwohl meine Flugdaten sicher von der Botschaft geprüft worden sind. Niemand hat mich je gefragt, was ich dort überhaupt 6 Monate zu tun gedenke.
Fühle ich mich sicherer beim Fliegen aufgrund der verschärften Sicherheitsvorkehrungen der USA seit dem 11.September? Sicher nicht. Fühle ich mich genervt und verärgert ob dieser zum Teil sehr fadenscheinigen Sicherheitsvorkehrungen? Definitiv.
Mein Fazit: Traveling to any destination via the USA? – Never again.


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