Sinnesrausch im Zeitungsverlag

Hallo Der Spiegel,

beim Lesen des Artikels “Ölrausch im Weinviertel” über die zweifelhafte Ölförderung in Österreich von Christian Wüst stieß ich auf einen seltsamen Absatz, der mich völlig im Unklaren ließ. Er verglich die Gegend nördlich von Wien mit Sachsen-Anhalt.

“Nordöstlich der Hauptstadt, wo der grüne Veltliner wächst, der Boden platt und Österreich ungefähr so schön ist wie Sachsen-Anhalt, liegt das größte zusammenhängende Ölvorkommen des mitteleuropäischen Festlands” (Der Spiegel, Nr. 43, 24.10.2005).

Da Österreich in meinen Erinnerungen ein schönes, sympathisches Land mit einem Überangebot an Natur ist, sprich dem imposanten Gebirgsbild der Alpen mit saftigen Wiesen, beschaulichen Tälern und dazu traditionsreichen Städten, rief dieser Vergleich in mir Verwirrung hervor. Meinte Hr. Wüst diesen Vergleich etwa ernst und verglich die sehenswerte Gegend rund um Wien mit den ebenfalls schönen Gegenden in Sachsen-Anhalt, von denen es reichlich viele gibt (z.B. den Harz, die Börde, die Altmark, die Straße der Romanik, die vielen UNESCO-Weltkulturerben wie den Wörlitzer Park und das historische Quedlinburg etc.), oder diente dieser Vergleich lediglich wieder als Mitel einer ironisch, sarkastischen Abwertung des (meines) Bundeslandes, das im Herzen unserer Republik liegt aber in der Wahrnehmung vieler als ein westlicher Landstrich Polens existiert?!
Ich hatte beim Lesen eher das Gefühl, das letztere Einschätzung die zutreffendere ist. Die zugegebenermaßen alarmierenden Arbeitslosenzahlen des Bundeslandes geben nicht zwangsläufig Auskunft über sein natürliches, äußeres Erscheinungsbild, Herr Wüst! Vielleicht kann mich jedoch jemand aus der Redaktion oder sogar sie selbst dieses zweifelhaften Gefühls berauben und meine Heimat in einem anderen, der Wahrheit entsprechenden Licht da stehen lassen. Sicher gibt es mehr als nur einen Schandfleck, unbestritten. Doch mit diesem Vergleich zu pauschalisieren und damit das ganze Bundesland in Verruf zu bringen, ist schlichtweg dumm und falsch!
Für eine Stellungnahme seitens der Redaktion wäre ich sehr dankbar.

MfG

Martin M. aus Magdeburg (ansonsten zufriedener Spiegel- Abonnent)

Eine Antwort des Spiegel-Redakteurs ließ widererwarten nicht lange auf sich warten:

Lieber Herr Mandel,

vielen Dank für Ihre Zuschrift. Ich bitte Sie, den Landschaftsvergleich nicht zu ernst zu nehmen. Gemeint war das monotone Flachland etwa der Altmark. Mir ist bewusst, dass es in Sachsen-Anhalt durchaus ansehnliche Gegenden gibt – wie in Österreich auch. Ich hoffe, der flapsige Seitenhieb auf Ihr Heimatland hat Ihnen nicht die Freude am Spiegel, der in seiner Gesamtheit ja auch sehr facettenreich ist, nachhaltig vergällt, und verbleibe mit freundlichen Grüßen

Christian Wüst

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