Den zurückliegenden Spätsommer habe ich mit Bubi, einem guten Freund von mir, mit einer Reise durch spanische Städte verbracht. Dabei hat sich mir ein Phänomen visuell aufgedrängt, das ich in der Vergangenheit nur mittelbewusst wahrgenommen habe. Das klassische Graffiti – mit Spraydose und lockerem Hand- und Armgelenk auf die Wand gebracht – hat seine Dominanz an eben solchen Wänden an neue Formen urbaner Kunst abgeben müssen. Was war passiert?

In Fachkreisen spricht man von Street Art oder sogar Post-Graffiti. Hierbei werden neue Materialen und Werkzeuge eingesetzt, wie z.B. Aufkleber, Poster oder Schablonen. Letztere, auch Stencils genannt, haben mich in ihren Bann gezogen. Da die Schablonen nicht unter den Augen von Streifenwagen und Überwachungskameras erstellt werden müssen, sondern in Ruhe zu Hause gebastelt werden, bestechen Stencils (oft) durch Schönheit und Schärfe. Zwar bereiten sich die Künstler klassischer Graffiti auch in Ruhe vor, indem sie in ihre Blackbooks Skizzen malen, aber dennoch braucht die Übertragung an die Wand viel Zeit. Je aufwändiger dann ein solches Kunstwerk ist, desto größer wird die Gefahr, von Ordnungshütern erwischt zu werden. Diese Gefahr kann aber minimiert werden, wenn der Delinquent schell ist. Hier kommen dann die Schablonen ins Spiel. Hat der Täter sein Piece schon als Schablone fertiggestellt, so muss er dies nur noch an die Wand projizieren. Das Praktische ist, dass diese Schablone mehrfach genutzt werden kann. Allerdings ist das ja nur ein Fünftel der Geschichte. Um sich psychologisch in die Lage der Täter zu versetzen, folgt nun eine kleine Erklärung darüber, wie die das machen, wenn sie es machen.

Das Ziel ist es also eine Schablone zu haben, die versehen mit genügend sprühdosierter Farbe ein Abbild hinterlässt. Dies funktioniert so gut, weil Schablonen die Eigenschaft haben, an gewissen Stellen Löcher zu haben und dort dann die gesprühte Farbe einfach, aber sicher durchlassen – an anderer Stelle aber nicht. Hier wird dann auch schnell die Verwandtschaft der Stencils zum klassischem Druck klar. Während beim Druck eine Fläche entweder Farbe annimmt, um sie dann auf den Träger wieder abzugeben, oder eine Farbe erst gar nicht auf sich drauf lässt, gibt es bei den Schablonen also Flächen, die Farbe durchlassen oder blockieren. Hier liegt aber auch die Einschränkung der Stencils: im Vergleich zu konventionellen Graffitis, können Stencils nur eine begrenzte Anzahl an Farben darstellen, da jede weitere Farbe eine weitere Schablone voraussetzt. Der Einfachheit halber gehen wir im Folgenden ohne Beschränkung der Allgemeinheit von zwei Farben aus: die Farbe des Trägers, also der Wand, und die Farbe der Farbe, also der Sprühdose. Eine solche Unterteilung in zwei Farben setzt nun ein Motiv voraus, welches in eben diese beiden Farben schon unterteilt ist oder dahingehend geändert werden kann. Um ein vorhandenes Foto in ein solches Strichbild zu verwandeln, muss ein Schwellwertverfahren angewandt werden. Allerdings führt dies nur selten zu guten Ergebnissen. Daher muss der Straftäter oft noch selbst Hand anlegen. Das sind allerdings langweilige technische Details. Ist das Bild erst einmal in zwei (oder mehr) Farben aufgeteilt, müssen ggf. noch Flächen, die für den Ausschnitt bestimmt sind, unterbrochen werden, damit gewisse andere Flächen nicht aus der Schablone fallen – langweilige Details. Sollten diese Vorverarbeitungsschritte am Computer gemacht worden sein, muss es erst noch ausgedruckt werden, damit dies als Vorlage für die eigentliche Schablone verwendet werden kann. So können auch komplexere Formen, wie Gesichter, auf fast jede Oberfläche gebracht werden. Die Schablone für den Einsatz auf der Straße sollte robust sein – einfaches Papier würde schnell aufweichen. Daher empfehlen die Delinquenten resistentere Materialien wie laminiertes Papier oder Plastik. Ein Teppichmesser genügt, um die Formen dann aus der Schablone zu schneiden. Fertig ist das Mondgesicht.

Bis hierhin ist der Künstler nur potenzieller Verbrecher. Er kann die Schablone nehmen, um seine privaten Wände zu verschönern oder ein T-Shirt damit zu versehen. Geht er aber hinaus auf die Straße, und verwendet Wände als Unterlagen, wird er ungehorsam und macht sich strafbar. Dies passiert auch immer öfters. Egal, in welcher Stadt wir uns befanden – Barcelona, Granada, Valencia oder Madrid – die Stencils waren überall. In Madrid konnte man deutlich sehen, dass da noch viel mehr gewesen wären, wenn nicht Anti-Graffiti-Einheiten diese regelmäßig entfernt hätten. Auch hierzulande machen sich Stencils auf den urbanen Leinwänden breit. Und das ist nur der Anfang. Wie bei vielen Phänomenen dieser Zeit, erweist sich das Internet als ein nützliches Werkzeug. Wenn heute Abend in London am Computer eine Schablone gebastelt wird, ist es nicht so abwegig, dass sich schon morgen früh Stencils dieser Form an Wänden in Berlin befinden. Über Nacht haben stencilistische Revolutionäre die Wände der Städte globalisiert.



0 Antworten zu “The revolution will be stencilized”