‘Wir bezahlen eure Krise nicht’

Die Verteilung des Nettovermögens auf die Bevölkerung in Deutschland zeigt der Wochenbericht 45/2007 des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung:

Die reichsten 1% besitzen über 20% des Vermögens.
Die reichsten 10% besitzen etwa 60% des Vermögens.
Die ärmsten 10% besitzen – 1,6% des Vermögens, also Schulden.

Die reicheren 50% besitzen 99,9% des Vermögens.
Die ärmeren 50% besitzen 0,1% des Vermögens.

Und finanzielles Vermögen bedeutet MACHT.

Eine Analyse des größten Bankraubs aller Zeiten liefert René Zeyer im Manager Magazin:

Es war ein Komplott von ein paar zufällig an den Schalthebeln Sitzenden, die sich maßlos bereicherten, gegen den Rest der Menschheit – wo jeder sein Scherflein beigetragen hat und noch beitragen wird zu diesem neuen Reichtum der wenigen Räuber.

Wenn man die allein im Hypothekarsektor angefallenen Kommissionen, Fees, Spesen, Kickbacks und Boni auf konservativ geschätzte zehn Prozent der in den letzten drei Jahren im “Financial Engineering” umgesetzten 10.000 Milliarden Dollar ansetzt, dann handelt es sich nur hier schon um einen Diebstahl von 1000 Milliarden Dollar. Das gibt dem Wort Banküberfall eine ganz neue Bedeutung, dagegen verblassen die gesammelten Raubzüge der Geschichte der Menschheit.

Ebenfalls im Manager Magazin werden von Henrik Müller einige mögliche Szenarien für die kommenden Jahre beschrieben. Ein sehr wahrscheinliches:

Kalte Sanierung. Seriös, aber schmerzhaft. Der Staat erhöht seine Einnahmen, indem er den Bürgern mehr Geld abknöpft. Die Steuerquoten steigen. Zugleich werden die Ausgaben zurückgefahren.

Wolf WetzelDen deutlichen Standpunkt “Wir bezahlen eure Krise nicht” vertritt allerdings neben Ver.di auch Wolf Wetzel, der am 06.02. in der Linkskurve gelesen und diskutiert hat. Wobei “wir” genau diejenigen sind, die dieses Fiasko nicht zu verantworten haben und uns nicht auf unseren Jachten in der Südsee werden trösten können.

Dokumentiert durch die AG Friedensforschung der Universität Kassel beschreibt Dieter Klein die Auswirkungen des internationalen Großvermögens auf die Krisen der Finanzmärkte:

Es sind die Superreichen, deren Geldkapital rund um die Erde auf der Jagd nach profitablen Anlagemöglichkeiten ist. Auf der Flucht vor den selbst verursachten Krisen auf den Finanzmärkten wird beispielsweise mit spekulativen Zielen in Rohstoffe und Nahrungsgüter investiert. Das hat nach Expertenschätzungen im Frühjahr 2008 20% bis 40% der Preisexplosion von Hauptnahrungsmitteln wie Reis, Weizen und Mais hervorgerufen – mit katastrophalen Folgen für Millionen Arme.

Es ist das hochmobile Geldvermögen der Superreichen, das angelegt von Banken, Investmentfonds und Versicherungskonzernen innerhalb kurzer Zeit in Boomregionen und -branchen hineinfließt, aber genauso schnell wieder abgezogen werden kann. Mit dieser Drohung wird Druck auf Regierungen und Unternehmen ausgeübt, Löhne und soziale Standards zu senken, Umweltstandards niedrig anzusetzen sowie öffentliche Güter und öffentliches Eigentum zu privatisieren. Die Folge ist, dass Bürgerinnen und Bürger bisher garantierte Rechte auf öffentliche Daseinsvorsorge – z.B. im Gesundheits- und Bildungsbereich – verlieren und in Kundinnen und Kunden verwandelt werden, deren Teilhabe an notwendigen Lebensbedingungen immer mehr von ihren höchst unterschiedlichen oder gar nicht gefüllten Geldbeuteln abhängt. Das Ergebnis ist wachsende Armut vieler ohnehin Einkommensschwacher als Kehrseite anschwellenden Reichtums.

Zum Entwurf des 3. Armuts- und Reichtumsberichtes der Bundesregierung macht Klein ebenfalls sehr kritische Anmerkungen:

Der 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2005 enthielt immerhin noch eine Berechnung des Anteils der verschiedenen Zehntel aller Haushalte am Nettogesamtvermögen. Im Reichtumsbericht 2008 wurde der Intimschutz des Reichtums weiterentwickelt – eine vergleichbare Übersicht zur Vermögensungleichheit (zu unterscheiden von Einkommensungleichheit) fehlt darin.

In Summe sieht das also stark abgekürzt etwa so aus: eine kleine Gruppe von Reichen und Superreichen zockt jahrelang über Investmentfonds hochriskant, aber auch hocheinträglich auf Metaebene mit unkalkulierbaren Risiken und überlässt ihr Geld halbseidenen Bänkern, die unverstehbare Finanzprodukte entwickelt und sich ihre ganz großen Kuchenstücke bei jeder Transaktion abgeschnitten haben. Die breite Basis dieser Finanzprodukte wurde dabei in den USA ohne Absicherung einer großen Masse von Habenichtsen z.B. als Immobilienkredite und Kreditkartenkredite angedreht, führt infolge der Verflechtung der Großbanken und Investmentfonds zu einer Blockade des internationalen Finanzsystems und damit zur größten Wirtschaftskrise der Menschheitsgeschichte mit in den nächsten Monaten und Jahren dutzenden, vielleicht auch hunderten Millionen ruinierten Arbeitnehmern.

Die Gewinne allerdings sind bereits mitgenommen bzw. die Verluste im -zig Millionenbereich für einen Großinvestor üblicherweise nicht so existenzbedrohend, wie es für einen Sozialgeldempfänger der Verlust von vielleicht 300€ wären. Steuern auf die Gewinne wurden den Staaten vermutlich weitgehend durch Finanztricksereien entzogen (siehe aktuelle Diskussion um Steueroasen). Den Crash sollen aber heute und in den kommenden Jahrzehnten weltweit die arbeitenden Steuerzahler bezahlen (”Sozialisation von Verlusten”, in Deutschland über sog. Konjunkturpakete und über Staatsbürgschaften sowie über die in den kommenden Jahren zwangsläufig zu erwartenden Einschnitte in den sozialen Transferleistungen), also die, die mit ihrem Geld nicht zehnarmig jonglieren können und die ohnehin durch die bald galoppierende Arbeitslosigkeit von steigender Armut betroffen sein werden. Auf Deutschland bezogen wird gleichzeitig die Entwicklung dieser Umverteilung im Armutsbericht vermutlich gezielt verschleiert, indem die Zunahme des Vermögens der Reichsten nun nicht mehr Gegenstand des Reports ist.

Schleimig, absurd und ganz und gar inakzeptabel, umso mehr, als in Deutschland Bund und Kommunen bereits 2008 mit ca. 1600 Milliarden € verschuldet waren, was weitere Kreditaufnahmen in den aktuell diskutierten Größenordnungen kaum zulassen dürfte (die bei Banken aufgenommen werden, um Banken zu stützen, die anschließend verstaatlicht werden -sic-). Die Verschuldung beträgt 2008 etwa 20.000 EUR pro Kopf der Bevölkerung. 2007 gab der Staat 13% des Steueraufkommens alleine zur Schuldentilgung aus, also jeden siebten Euro.